studio2020 Matzat Henkel GbR / von Ey Architektur PartG mbB / Ebbing Standort: Berlinwww.studio2020.eu Landschaftsplanung: Stephan Bracht
TEILBEREICH 1 – „DAS SCHÖNEBERGER SÜDGELÄNDE“
TEILBEREICH 2 – „GARTENSTADT GROSSZIETHEN“
TEILBEREICH 3 – „SEESTADT KÖNIGS WUSTERHAUSEN“
Erläuterungen der Verfasser
Wenn wir uns fragen, was Berlin und Brandenburg so speziell und zu einer der großartigsten Metropolen der Welt macht, dann ist es die Diversität der Architekturen und Quartiere, die aus völlig unterschiedlichen Epochen der gesamten Stadtbaugeschichte stammen. Der Hobrechtsche Blockrand, die gebaute Moderne, die sozialistischen Stadtplanungen, die Nachwendearchitektur der kritischen Rekonstruktion, aber auch die Dörfer, die ländliche Weite, die endlosen Kiefernwälder und die Seenlandschaft im Brandenburger Umland tragen für uns gleichberechtigt zur Qualität und zum einzigartigen Charakter der Metropolregion bei. All das möchten wir nicht missen und infrage stellen. Daher lehnen wir ein Tabula-rasa-Denken sowie utopische Fiktionen für Berlin und Brandenburg zugunsten eines „learning from the cities“ ab. Wir sind überzeugt davon, dass unsere Strategie der Aneignung und empirischen Form hervorragend dazu geeignet ist, eine selbstverständlichere, nachhaltigere und somit lebenswertere Perspektive für die Entwicklung von Stadt und Region aufzuzeigen. Unser referenzieller Blick richtet sich auf die gesamte Geschichte des Städtebaus in Europa, um bewährte Lösungen zu finden, mit denen die vorgefundenen Typologien behutsam transformiert und weiterentwickelt werden können.
Großmaßstäbliche Umsetzung – Im Sinne unserer Strategie haben wir acht Stadtmodelle, die sich in sozialer, stadtästhetischer, ökologischer und somit lebenswerter Hinsicht bewährt haben, zu einer großräumlichen Collage City gefügt. Dies ermöglicht, auf unterschiedliche städtebauliche Kontexte angemessen zu reagieren: Ebenezer Howards Ideen einer Gartenstadt können dem suburbanen Sprawl entgegenwirken und durchgrünte Quartiere mit stadträumlichen Qualitäten schaffen. / Der organische Blockrand, den Eliel Saarinen in seinen Plänen für Groß-Helsinki vorschlug, ermöglicht es, den erfolgreichsten Typus der Berliner Stadttextur weiterzudenken. / Die Grands Ensembles von Fernand Pouillon liefern die Referenz für Verdichtung und stadträumliche Aufwertung von Plattenbau- und Großsiedlungen an den Randbereichen Berlins. / Mit den Plänen von Auguste Perret zum Wiederaufbau von Le Havre kann in vorgenannten Situationen, jedoch noch großmaßstäblicher, agiert werden, um neue Subzentren zu schaffen. / Die Neuinterpretation von Otto Wagners Idealentwurf für eine Großstadt mit seinen gerasterten und hierarchisierten Stadträumen wird zur Etablierung neuer Mittelstädte an den Ausfahrtsradialen transformiert. / Die Cité industrielle von Tony Garnier hat das Potenzial, weniger dichte, durchgrünte Subzentren im Berliner Umland auszubilden. / Eine Analogie zu den länglichen Blockrändern, die Hendrik Petrus Berlage in seinem Plan Zuid für Amsterdam vorsah, schafft den selbstverständlichen Anschluss an den Berliner Blockrand mit einer Qualitätsverbesserung der Wohnungen. / Der hochverdichtete Blockrand, wie ihn Ildefons Cerdà für Eixample plante, steht Pate für neu zu schaffende durchmischte Stadtquartiere im Zentrum der Kernstadt, wie zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld oder dem Schöneberger Südgelände. / Die neuen Ortschaften werden an das bestehende System der großen Radialen angebunden und erhalten einen räumlichen, funktionalen und verkehrstechnischen Bezug zur Berliner Innenstadt als Mittelpunkt.
Infrastrukturelle Themen und Leitbilder – Revival der Korridorstraße – Der atmosphärische Charakter der Kernstadt ist durch die Korridorstraßenräume der Gründerzeit geprägt. Ihre Querschnitte haben sich über die Zeit bewährt und waren stets in der Lage, sich den wandelnden Mobilitätsansprüchen anzupassen. Wir glauben nicht an ein Ende des motorisierten Individualverkehrs. Gleichwohl wird er sich radikal, hin zu ökologischen und automatisierten Modellen entwickeln, die deutlich weniger Platz im Straßenraum benötigen. Der freigewordene Raum wird für eine vor dem Hintergrund des Klimawandels notwendige Durchgrünung (lineare Parks), ein flächendeckendes Fahrradwegenetz sowie zur Aufwertung der Fußgängerbereiche genutzt.
Stadt der grünen Ringe – Im Zuge von drei infrastrukturellen Großprojekten werden die im Stadtgrundriss bereits vorhandenen Ringe und Radialen zu großstädtischen grünen Promenaden. So wird der Raum unter den Hochbahnen – etwa an der Skalitzer Straße und der Schönhauser Allee – für den motorisierten Individualverkehr genutzt. Auf den jetzigen äußeren Fahrstreifen entstehen lineare Parks, und ein innerer Ring verknüpft ideal alle zentralen Stadtteile für Fahrradfahrer und ÖPNV-Nutzer. Als zweite Maßnahme wird die Trasse der Stadtautobahn, die stadträumlich eine große Barriere darstellt, zurückgebaut und dennoch als großstädtische Hauptverkehrsstraße in Form einer Ringpromenade erhalten. Ihr Querschnitt kann deutlich reduziert werden, da der neue Verkehr beinahe emissionsfrei wird und die freigewordenen Flächen mit einer linearen Randbebauung der jetzigen Brandwandflächen geschlossen werden. Hier liegt ein Potenzial der Nachverdichtung, welches das Ausmaß der vor einigen Jahren vorgeschlagenen Randbebauung des Tempelhofer Feldes bei Weitem übertrifft. Eine zusätzliche Ringbahn verknüpft die Orte im Brandenburger Umland konzentrisch miteinander und bildet einen starken übergeordneten, identitätsstiftenden Verbund.
Nachverdichtung der Kernstadt – Aufgrund der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung und des dringenden Bedarfs an Wohnraum ist zu evaluieren, wo neben den selbstverständlichen und selten vorhandenen Baulücken noch neue großmaßstäbliche Quartiere entstehen können. Hier bietet sich vor allem die Nutzung der vorhandenen Kleingartenflächen sowie eine teilweise Bebauung der Flughafenbrachen in Tempelhof und Tegel an.
Drei konkrete Teilräume – Das Schöneberger Südgelände – Bau eines neuen Bahnhofsquartiers am Südkreuz – Das Schöneberger Südgelände ist seit dem Wettbewerb 1911, den Bruno Möhring mit einer typischen Berliner Blockrandbebauung gewann, ein wichtiges städtebauliches Thema Berlins. Die heute größte zusammenhängende Kleingartenfläche Berlins bietet, bei Erhalt des Naturparks Schöneberger Südgelände, ein enormes Potenzial für ein 3.037.245 Quadratmeter großes urbanes Stadtquartier. Die Umgestaltung des Innsbrucker Platzes und der Rückbau des Autobahnkreuzes Schöneberg verweben das neue Quartier selbstverständlich mit den angrenzenden Stadtteilen Friedenau, Tempelhof und Schöneberg. Die Neuplanung fällt im Stadtgrundriss nur durch den Maßstabssprung in den geplanten Blockgrößen auf. Der Bahnhof Südkreuz erhält einen angemessenen städtischen Vorplatz und eine direkte Anbindung an das neue Quartier. Die geplante Stadttextur ist aus dem organischen Blockrand, wie ihn Eliel Saarinen in den Plänen für Groß-Helsinki und Tallinn vorlegt hatte, abgeleitet. Sie ermöglicht es, den gründerzeitlichen Block weiterzudenken und vermeidet mit den kleineren Blockzuschnitten die Probleme des Hobrechtschen Städtebaus mit seinen engen Hinterhöfen. Zudem schlagen wir eine neue Traufhöhe von 30 Metern vor, die eine höhere Dichte ermöglicht. Der hohe Versiegelungsanteil wird durch begrünte, nutzbare Flachdächer kompensiert. Dazu adaptieren wir die hängenden Gärten und die atmosphärische Anmutung des Novecento und der città animata in Mailand, die als durchgrünte moderne Stadt eine wunderbare Referenz für die Ausgestaltung eines neuen Berliner Quartiers im Kernbereich der Stadt liefert.
Gartenstadt Großziethen – Ein durchmischtes Wohnquartier am Stadtrand – An der südlichen Stadtgrenze zwischen Rudow und Lichtenrade wird der Stadtkörper geschlossen und gefestigt, indem der Schönefelder Ortsteil Großziethen auf einer Fläche von über 16 Quadratkilometern mit einer neuen Gartenstadt überformt wird. Um dem suburbanen Sprawl entgegenzuwirken, wird eine markante stadträumliche Form vorgeschlagen. Ebenezer Howards Prinzip „Ward and Center“ wird adaptiert und in den Stadtgrundriss eingepasst. Bestehende Wegeverbindungen wie die Karl-Marx-Straße werden ausgebaut und in den Stadtgrundriss integriert. Im Gegensatz zu den ersten Gartenstädten wählen wir eine höhere Dichte, die vom zentralen Park, der etwa 25 Prozent der Fläche des New Yorker Central Park umfasst, hin zu den Stadtanschlüssen abnimmt. Den Park rahmen 60 Meter hohe Wohnhochhäuser, wie sie auch im Hansaviertel zu finden sind; darauf folgt eine geschlossene Blockrandbebauung, die in Maßstab und Gestaltung an Röda Bergen orientiert ist und sich in einen offenen Blockrand, der die Baumgartnerhäuser in Basel mit wenigen standardisierten Typen adaptiert, auflöst. Jenseits des grünen Parkrings folgt eine offene Blockrandbebauung mit Mehrfamilienstadthäusern, wie sie zum Beispiel in Dresden-Striesen zu finden sind. Im Gegensatz zur Kernstadt werden hier geneigte Dächer, die den kleinmaßstäblicheren Charakter und die eher dörfliche Atmosphäre betonen, vorgeschlagen.
Seestadt Königs Wusterhausen – Erweiterung einer Stadt in der zweiten Reihe – Wenn wir Wohnraum für alle anbieten wollen, dann darf auch die Großsiedlung kein Tabu mehr sein. Eine wichtige Voraussetzung ist eine hohe architektonische und freiraumplanerische Qualität. Die hervorragenden Grands Ensembles von Fernand Pouillon sind die Referenz für Verdichtung und stadträumliche Aufwertung von Plattenbau und Großsiedlungen an den Randbereichen Berlins. Die lockere und doch präzise und hierarchisierende Anordnung der großmaßstäblichen Bauten ermöglicht die selbstverständliche Integration der Natur und Topografie sowie des bestehenden Sees und die Anbindung an die Achse aus dem Subzentrum Königs Wusterhausen mit seinen Plattenbauten gleichermaßen. Neuralgische Schnittstellen zwischen Platz und Park werden durch die Aktivierung von Erdgeschossen mithilfe vielfältiger Nutzungen zu attraktiven Orten. Einen solchen identitätsstiftenden Ort stellt die sternförmige Anlage mit zentralem grünem Park dar, der zu einem wesentlichen Bezugspunkt wird. Zur Identitätsstiftung trägt auch die neue Silhouette bei, die den Reiz der dritten Dimension und Höhenschichtung mit einer Steigerung der Wohnqualität verbindet.
TEILBEREICH 3 – „AIREA – LOKALES ZENTRUM NAHE DEM FLUGHAFEN SCHÖNEFELD“
Erläuterungen der Verfasser
Die Agglomeration Berlin hat sich nach einem klassischen Szenario entwickelt: ein vielzackiger Stern, dessen Strahlen sich entlang der Hauptverkehrsachsen erstrecken und benachbarte Städte in ihre Strahlkraft aufnehmen. Diese Städ-te können zu regionalen Zentren ausgebaut werden und ein polyzentrisches System in der Metropolregion Berlin-Brandenburg bilden.
In der ersten Phase haben wir die folgenden wichtigsten Prinzipien der Ag-glomerationsentwicklung der Region identifiziert: kompakte Entwicklung lo-kaler Zentren – Kleinstädte, die an den Hauptverkehrsrichtungen liegen – auf-grund ihrer individuellen Funktionsmerkmale; Entwicklung von Natur- und Erholungsgebieten (Grüngürtel); Entwicklung des regionalen Tourismuspo-tenzials: die Schaffung eines „Goldenen Rings“ der Metropolregion Berlin-Brandenburg – einer Route, die Städte mit kulturellem und historischem Erbe verbindet – und die Entwicklung entsprechender Tourismusinfrastruktur. Eines der wichtigen Elemente der Struktur der künftigen regionalen Agglo-meration ist das System der lokalen Zentren rund um das Zentrum Berlins so-wie der Produktions- und Güterverteilzentren entlang der Hauptverkehrsach-se zwischen Ost- und Westeuropa – der Europastraße E 30 (von Irland über Großbritannien, die Niederlande, Deutschland, Polen, Weißrussland nach Omsk in Russland). In unserer Vision ist das eine konzeptuelle Planungsachse für die Region. Die Entwicklung der anliegenden Gebiete und Städte mit dem Potenzial, zu neuen lokalen Zentren zu werden, ist ebenfalls von vorrangiger Bedeutung. Die lokalen Zentren können sich wiederum mit nahe gelegenen Siedlungen zu lokalen Agglomerationen verbinden und so ein stabiles System von kompakten, wirtschaftlich miteinander verbundenen Gebieten bilden, die durch entwickelte Arbeits-, Kultur- und Sozialbeziehungen, soziale und tech-nische Infrastruktur (falls dies möglich ist) sowie gemeinsam genutzte Boden-ressourcen vereint sind. Dies impliziert natürlich unter anderem die Entwick-lung eines koordinierten multimodalen Verkehrsnetzes mit Schwerpunkt auf dem öffentlichen Verkehr (auf der Ebene von regionalen und lokalen Agglo-merationen) sowie auf der Fußgänger- und Fahrradinfrastruktur (auf der Ebe-ne von Städten und Siedlungen).
In Übereinstimmung mit den Wettbewerbsbedingungen haben wir aus zehn vorgeschlagenen Themen drei Teilräume für eine detaillierte Entwicklung aus-gewählt: 1. Berlin – Wohnbau auf dem Gebiet im Osten der Stadt, Köpenicker Chaussee; 2. Berlin- Brandenburg – Sanierung des Zentrums Ost in Potsdam; 3. Berlin-Brandenburg – Schaffung / Erweiterung eines neuen Regionalzen-trums Airea (Aero City), das an die Ost-West-Planungsachse angrenzt. Teilraum 1. Bei der Auswahl eines Teilraums in Berlin ließen wir uns von offe-nen Daten zu Entwicklungsplänen der Stadtgebiete leiten. Unsere Idee be-stand darin, ein Gebiet auszuwählen, das keine Entwicklungspläne hat (oder die offiziell noch nicht akzeptiert sind) und über Voraussetzungen für die Schaffung eines mischgenutzten städtischen Umfelds verfügt, das seinen Ein-wohnern ein komfortables Leben bietet, und wo es möglich wäre, vielfältige Wohnbautypen zu errichten. Das Konzept beachtet die bestehende Planungs-struktur mit vorhandenen Straßen und dem zu erhaltenen Kulturerbe. Die his-torischen Gebäude sollten zu Gemeindezentren (Aktivitätszentren) umgebaut werden, einschließlich Handelsmärkten, Kulturzentren u. a. Neue Wohnvier-tel werden durch das Netz aus grünen, attraktiven Fahr- und Fußgängerver-bindungen gebildet. Die gut ausgestattete Uferpromenade mit einem Jacht-hafen sowie Freiflächen für Handelsmärkte und öffentliche Veranstaltungen wird zum Hauptanziehungspunkt für Einwohner und Gäste. Das Konzept sieht vor, dass das Wohngebiet mit verschiedenen Wohnbautypen (von Mehrfami-lienhäusern bis hin zu einzelnen Stadthäusern) und entsprechenden Nachfol-geeinrichtungen bebaut wird.
Teilraum 2. Der Stadtteil Zentrum Ost liegt am Rand der Potsdamer Innen-stadt zwischen dem Hauptbahnhof Potsdam und der Nuthe-Schnellstraße. Das Areal erstreckt sich entlang der Havel und grenzt heute an den Nuthe-park sowie an den berühmten Landschaftspark Babelsberg. Im Zentrum Ost sehen wir ein großes Entwicklungspotenzial. Die Sanierung dieses Wohnge-biets wird zur Deckung des wachsenden Wohnbedarfs in der Region (durch die Erhöhung des Wohnvolumens und die Vielfalt der Wohnbautypen) sowie zum Effekt von Investitionen in den Städtebau und zur Schaffung einer neuen, in das städtische Leben einbezogenen Siedlung beitragen. Dies wird die Qua-lität der städtischen Umwelt verbessern und neue Chancen für weitere Inves-titionen in die Stadt bieten. Darüber hinaus wird das sanierte Wohnviertel eine Quelle von zusätzlichen Steuereingängen sein (Immobiliensteuern und Gewinnsteuern). Das Projekt präsentiert einen Vorschlag für die evolutionäre Erneuerung des Stadtteils. Eine schrittweise Entwicklung, einhergehend mit einer rücksichtsvollen und nachhaltigen Anpassung der Planungsstruktur, wird es letztlich ermöglichen, ein vollwertiges städtisches Umfeld zu schaffen, das sich durch eine gut entwickelte soziale Infrastruktur, zahlreiche Funktio-nen und Grünbereiche sowie durch eine gute Durchdringung von bebautem und unbebautem freiem Raum auszeichnet.
Teilraum 3. Das Konzept sieht die Entwicklung des Gebiets zwischen der Autobahn A 10 (ein Teil der Europastraße 30) und der Südgrenze Berlins vor. Hier liegen die Gemeinde Blankenfelde-Mahlow und die Gemeinde Schöne-feld einschließlich des im Bau befindlichen Internationalen Flughafens Berlin Brandenburg. Die Gemeinden haben eine gute Verkehrsanbindung an die Innenstadt, Landreserven für den Neubau sowie das Entwicklungspotenzial bestehender Natur- und Erholungsgebiete. Unter wesentlichen Planungsbe-schränkungen für die Entwicklung des Areals sind der Gleitweg des zukünfti-gen Flughafens und die Behandlungseinrichtungen Waßmannsdorf zu beach-ten. Im Rahmen des vorgeschlagenen Konzepts der räumlichen Entwicklung der Metropolregion Berlin-Brandenburg entlang der Ost-West-Planungsachse (die Autobahn 10) ist die Schaffung eines neuen lokalen Zentrums – Airea – geplant. Es wird drei Kleinzentren umfassen. Das Kleinzentrum Schönefeld (das Lufttor zu Berlin) stellt ein mischgenutztes Gebiet dar (Büro- und Ver-waltungszentren mit Vertretungen internationaler Unternehmen; Wohnvier-tel einschließlich Mietwohnungen mit dazugehöriger Infrastruktur und Ho-tels; Güterverteilzentren und Öko-Produktionskomplexe). Das Kleinzentrum Großziethen stellt ein neues Wohngebiet dar, das an die Berliner Stadtteile Lichtenrade, Buckow und Rudow grenzt. Das Gebiet sollte mit niedrigen Wohnhäusern und Einfamilienhäusern bebaut und dadurch fließend in das Berliner Stadtgewebe eingeflochten werden. Das Kleinzentrum Dahlewitz + Groß Kienitz stellt ein multifunktionales Wohngebiet dar, das im Rahmen der bestehenden Siedlungen Dahlewitz und Groß Kienitz entstehen sollte. Das zwischen den Siedlungen Dahlewitz und Groß Kienitz liegende Gebiet, das für die Errichtung des lokalen Kleinzentrums von Airea (Aero City) geplant ist, weist eine Reihe einzigartiger Merkmale auf: vorteilhafte Lage in der Nähe der Autobahn A 10 (Teil der Europastraße E 30), gute Verkehrsanbindung an den Flughafen und ans Zentrum (Dahlewitz Bahnhof), Vorhandensein der im Be-trieb befindlichen Produktions- (Rolls-Royce Deutschland Ltd. & Co. KG) und Güterverteilzentren sowie Verfügbarkeit der Erholungsgebiete, einschließlich der Golfanlagen Groß Kienitz. Das sind gute Voraussetzungen für die Schaf-fung eines ausgewogenen städtischen Umfelds, das ein kompaktes, vielfälti-ges und komfortables Leben bietet. Die Verfügbarkeit von Arbeits- und Erho-lungsgebieten in Gehweite sowie vielfältige Wohnungsbautypen und eine gut entwickelte soziale Infrastruktur machen dieses Areal attraktiv für sowohl jet-zige als auch künftige Einwohner.
Unsere Prognosen und Vorschläge basieren auf einer Untersuchung der Ge-schichte des Ortes, auf der aktuellen Situation sowie auf unseren beruflichen Kompetenzen. Wir sind jedoch sicher, dass in jeder nächsten Phase zusätzli-che Studien durchgeführt werden sollten, die der Entwicklungsphase des Pro-jekts entsprechen. Zukünftig ist es wichtig, dass für jeden der Teilräume eine detaillierte Beurteilung des wirtschaftlichen und städtebaulichen Potenzials einschließlich einer soziokulturellen Forschung erfolgt, um eine konsolidierte Liste von Beschränkungen, Entwicklungsvoraussetzungen und Bedürfnissen zu erstellen. Dies wird die Möglichkeit bieten, ein Nutzungsprogramm und eine Vision für die Entwicklung des Gebiets zu erstellen. Das sind die wichtigs-ten Kerndaten für die weitere Planung. Wir hoffen, dass unsere Vorschläge zur Vision und zu den Prinzipien der Entwicklung der gesamten Region und ins-besondere der drei ausgewählten Teilräume von interessierten Parteien un-terstützt und qualitative Transformationen der Region und der Stadt in Gang setzen werden.
FRPO Rodriguez & Oriol Standort: Madrid www.frpo.es Team: Pablo Oriol Salgado, Architekt ETSAM, COAM 15216; Adrian Sànchez, Ricardo Gonzaléz, Maria Diaz Landschaftsplanung: LAURA JESCHKE, PAISAJISMO. LANDSCHAFTSARCHITEKTUR
TEILBEREICH 1 – NAUEN
TEILBEREICH 2 – SCHMÖCKWITZ
TEILBEREICH 3 – ORANIENBURG
Erläuterungen der Verfasser
100 Jahre (Groß-)Berlin Internationaler Städtebaulicher Ideenwettbewerb / Berlin-Brandenburg 2070 / Berlin-Brandenburg Ringstadt / Zweite Phase Übergeordnet kann der Diskussions- und Planungsprozess für die Berlin-Brandenburg-Ringstadt BBRS unter dem Aspekt von drei Kategorien weiter-geführt werden: KONZEPTION und PLANUNGSVORGABE / DISKUSSION und INTEGRATION / REALISIERUNG und KOORDINATION
Zu 1: KONZEPTION und PLANUNGSVORGABE: Der Berlin-Brandenburg Ring-stadt BBRS liegt eine klar strukturierte und unverwechselbare Planungsvision zugrunde: Definiert wird ein Ring von 55 Kilometer Durchmesser, 178 Kilome-ter Länge und vier Kilometer Breite zur Aufnahme der gesamten zukünftigen städtebaulichen und räumlichen Entwicklung der Metropolenregion Berlin-Brandenburg. Die urbanen Zentren der wirtschaftlichen, sozialen und kultu-rellen Aktivität dieses polyzentrischen Modells befinden sich an den Schnitt-punkten der Ringachse mit den radialen Schienen- und Straßensträngen des historischen Siedlungssterns. Die Ringstadt stellt eine Alternative zur Zersie-delung der städtischen Peripherie bei gleichzeitiger Abwanderung in den ländlichen Raum dar. Die Konzentration des städtischen Wachstums auf den Ring ermöglicht die Schaffung einer klaren Stadtkante – sowohl für die Kern-stadt Berlin als auch für das Wachstum der Ringstadt. Das Modell der Ring-stadt bewahrt die Innenlandschaft zwischen der Kernstadt Berlin und dem Stadtring vor weiterer Zersiedelung und sorgt für den Erhalt der umgebenden brandenburgischen Außenlandschaft. Ein weiterer Vorteil des Ringmodells liegt in der hohen Elastizität des Systems, das die Entwicklung und Umset-zung langfristiger Szenarien erlaubt. Die Grundkonzeption sollte zunächst in einem Masterplan „Berlin-Brandenburg Ringstadt BBRS“ mit prägnanten und verbindlichen planerischen Vorgaben festgeschrieben werden. Darunter fällt die grundlegende Definition der einzelnen Stadtfragmente und Landschafts-einheiten, die das Rückgrat und die Struktur der Ringstadt festschreiben: Parkway, Lücken, große Strukturen, Knoten, Inseln und Durchzugslandschaf-ten. Die Weiterentwicklung und die lokalen Planungen des Parkway, seiner Siedlungs- und Gewerbegebiete sowie der Freiräume kann basierend auf dem übergeordneten Masterplan später durch die öffentlichen Planungs-behörden und Fachplaner erfolgen. Für den Planungsprozess ist eine enge Zusammenarbeit in der Städte- und Landesplanung der gesamten Metro-polenregion erforderlich und sollte von Akteuren verschiedener Ebenen und Fachgebiete begleitet und gesteuert werden. Dazu gehören das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung (MIL), das Ministerium für Landwirt-schaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK), das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Energie (MWAE) des Landes Brandenburg, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen SenSW Berlin, die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz SenUVK Berlin sowie Vertreter der gemein-samen Landesplanungsplanungsabteilung Berlin-Brandenburg. Der Mas-terplan „Berlin-Brandenburg Ringstadt BBRS“ sollte darüber hinaus in das gemeinsame Planungsinstrument des Landesentwicklungsplans Hauptstadt-region Berlin-Brandenburg (LEP HR) integriert werden. Das Erstellen von Flä-chennutzungs- und Bebauungsplänen auf kommunaler Ebene erfolgt durch multidisziplinäre Expertenteams mit u. a. Stadtplanern, Architekten, Land-schaftsarchitekten, Verkehrsplanern und Umweltplanern unter Miteinbezie-hung der lokalen Bevölkerung.
Zu 2. DISKUSSION und INTEGRATION: Die zuvor erwähnten Planungspro-zesse bedürfen der Zusammenführung in ein übergeordnetes Gremium, das die Kommunikation mit allen Beteiligten und die Entwicklung einer einver-nehmlichen Umsetzungskonzeption mit demokratischen Prozessen sicher-stellt. Das Format der „Internationalen Bauausstellung“ (IBA) zur Entwick-lung neuartiger Planungsverfahren zur Stadt- und Regionalentwicklung hat sich mehrmals bewährt. Spätestens seit der IBA Emscher Park und der IBA Fürst-Pückler-Land wurden nicht nur planerisch-gestalterische Themen, son-dern auch Instrumente für den Strukturwandel ganzer Regionen entwickelt und hierbei auch ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragenstellungen thematisiert. In Berlin-Brandenburg waren bereits die IBAs 1957 und 1987 von großer Bedeutung. Auch im Bereich der Gartenschauen kann auf die Erfah-rung mit der IGA 2017 Berlin-Marzahn und mit der Bundesgartenschau BUGA 2001 Potsdam zurückgegriffen werden. Die bei IBAs der letzten Jahrzehn-te erfolgreich durchgeführten Konzeptions-, Integrations- und Kommunika-tionsprozesse können auch hier unter Fortführung und Weiterentwicklung der dort gewonnenen Erfahrungen und unter Integration neuer digitaler Mög-lichkeiten in einer IBA Berlin-Brandenburg Anwendung finden. Neben einem IBA-Projektbeirat auf behördlich administrativer Ebene wäre zudem die Ein-bindung von regionalen, nationalen und internationalen Fachexperten emp-fehlenswert. Dies kann über einen IBA-Fachbeirat erfolgen, aber es sind auch andere Arbeitsformate zu spezifischen Themen denkbar, wie zum Beispiel Planungsworkshops, Architektur- und Landschaftsarchitekturwettbewerbe. Wichtige mögliche Partner wären hierbei die Hochschulen der Metropo-lenregion, die Architektenkammern von Berlin und Brandenburg, die Deut-sche Akademie für Städtebau und Landesplanung Berlin-Brandenburg oder auch die Stiftung Zukunft Berlin. Konkrete Vorschläge für innovative Wohnfor-men oder für die Gestaltung von Quartieren für Arbeit, Gewerbe und Woh-nen könnten im Rahmen einer IBA Berlin-Brandenburg beispielhaft entwickelt werden. Die Möglichkeiten zur Freiraumentwicklung unter Einbindung von Zielen der Erholung, nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktion und zum Erhalt wertvoller Landschaftselemente könnten anhand einer Internationalen Gartenschau IGA exemplarisch veranschaulicht werden. Ein konkretes Thema der Berlin-Brandenburg Ringstadt BBRS wäre zum Beispiel, unter politischen Entscheidungsträgern, bei kommunalen und städtischen Planungsstellen, Fachplanern und in der lokalen Bevölkerung einen kollektiven Ideenfindungs-prozess zur Wiederbelebung identitätsstiftender Relikte im Stadtring zu star-ten und neue Konzepte etwa für ehemals militärische oder industriell genutz-te Flächen zu entwickeln.
Zu 3. REALISIERUNG und KOORDINATION: In der Umsetzung ist entschei-dend, dass bei allen wichtigen Planungsvorhaben, wie unter anderem der Flä-chennutzungsplanung, Verkehrswegeplanung, Planung der Wohnsiedlungen, Dienstleistungs- und Industriegebiete, die Vorgaben des Masterplans einge-halten werden. Hierfür ist die Einrichtung einer übergeordneten Planungsko-ordinierungsstelle mit erweiterten Kompetenzen sinnvoll. Eine vergleichba-re Koordination wie etwa die Begleitung der Stadterneuerung Berlins in den letzten 30 Jahren durch den Berliner Senat und seine Behörden wäre vorstell-bar. Für die Finanzierung und die Vermarktung der Berlin-Brandenburg Ring-stadt BBRS könnte – neben Mitteln von Bund und Ländern – auch um Un-terstützung durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geworben werden. Für diese Vorhaben wäre ein spezifisches Team von Öko-nomen und Marketingspezialisten in der Planungskoordinierungsstelle wün-schenswert. Ebenfalls ist die Gründung einer öffentlichen Betreibergesell-schaft denkbar, ähnlich der landeseigenen Unternehmensgruppe Grün-Berlin, die die Planung, Umsetzung und den Betrieb mehrerer öffentlicher Grünanla-gen Berlins betreut, zuletzt mit großem Erfolg die IGA 2017 Berlin-Marzahn.In einem ersten Planungsschritt sollen bestehende Zentren an den Schnitt-stellen der Strahlen des Siedlungssterns und am Stadtring gestärkt und neue Orte geschaffen werden. Dazu gilt es, gemeinsam Hierarchien und funktio-nale Schwerpunkte zu definieren, ein Gleichgewicht zwischen Städten hö-herer und niedriger Bedeutung zu finden und eine angemessene Verteilung der Katalysatoren für wirtschaftliche und kulturelle Aktivitäten über den ge-samten Stadtring zu erreichen. In den weiteren Etappen erfolgen der stu-fenweise Ausbau der Quartiere für Wohnen, Arbeiten und Freizeit und die schrittweise Vernetzung der Durchzugslandschaften zu übergeordneten Grünkorridoren bis hin zur Schaffung eines ausgedehnten Regionalparksys-tems der Hauptstadtmetropole. Ein gemeinsamer länderübergreifender und interdisziplinärer Diskurs unter Einbindung aller beteiligten Akteure zu Kon-zept und Planung sowie der Einsatz übergeordneter Planungsstellen für de-ren Umsetzung wären die Voraussetzungen für ein Gelingen der Vision Berlin-Brandenburg Ringstadt BBRS.
Uwe Schröder Architekt www.usarch.de Team: Akademische Gruppe: RWTH Aachen University, Lehr- und Forschungsgebiet Raumgestaltung, Univ.-Prof. Dipl. Ing. Uwe Schröder, Stud. Mitarbeit: Daniel Müller, Fabian Weis / Professionelle Gruppe: Univ.-Prof. Dipl. Ing. Uwe Schröder Architekt BDA DWB, Matthias Storch, Timo Steinmann, Stud. Mitarbeit: Yannick Meuter, Michael Weyck
TEILBEREICH 1 – „DAS PORÖSE MASSIV ALS VERTIKALER KIEZ: KREUZBERG“
TEILBEREICH 2 – „DIE VERSAMMELTEN TÜRME UND DAS OFFENE FELD: TEMPELHOF“
TEILBEREICH 3 – „DER BLAUE BLOCK ODER DIE STADT NATUR: WARTENBERG“
Erläuterungen der Verfasser
Stella – Sternbild Berlin Brandenburg 2070 – Ideografie einer Konstellation – Ein Beitrag zur fiktionalen Wissenschaft. I / III Metropole. Wir schreiben das Jahr 2070. Die alte Stadt kannte keine Grenzen mehr, nur Peripherien. Die Peripherien vereinnahmten mehr und mehr die Landschaften. Die alte Stadt hatte ihre Fassung verloren. Novum: Eine Stadt hat Grenzen. Die Stadt wächst innerhalb ihrer Grenzen. Die Stadt der Städte wächst innerhalb ihrer Städte: Metropole. Die Metropole kennt nur die Grenzen ihrer Städte. Die Natur trennt die Städte: Landschaft. Die Land-schaften verbinden die Städte. Die Städte haben ihre abgeschlossene Form wiedergefunden. Eine Stadt hat eine Form. Eine Stadt ist überwiegend in-nenräumlich geprägt. Die Stadtlandschaft wurde überwunden, weil sie eine undifferenzierte = ungestaltete Mischung von Stadt und Land bedeutete. Wir haben die Trennung von Stadt und Land wiederhergestellt. Wir haben zur Entmischung von Stadt und Land zurückgefunden. Die Landschaften tren-nen und verbinden. Die Landschaften sind außenräumlich geprägt. Innerhalb von Städten treten Landschaften als städtisch gebundene Außenräume auf. Außerhalb und zwischen Städten treten Landschaften als landschaftlich ge-bundene Außenräume auf. Die Grenzen der Städte wurden neu gezogen. An den Grenzen hören die Städte nicht auf, bei den Grenzen beginnen die Städte ihr Wesen. Die Grenzen der Landschaften wurden neu gezogen. An den Gren-zen hören die Landschaften nicht auf, bei den Grenzen beginnen die Land-schaften ihr Wesen. Eine Stadt besteht aus Quartieren. Quartiere sind ge-mischt, selbstständig, überwiegend innenräumlich geprägt und maßstäblich. Auch die Quartiere haben Grenzen. Städtisch gebundene Außenräume kön-nen innerhalb von Quartieren oder als Grenzen zwischen Quartieren auftre-ten. Mehrere Quartiere bilden einen Stadtteil, mehrere Stadtteile eine Stadt, mehrere Städte eine Metropole. Städte sind rot, Landschaften blau. Die Me-tropole ist eine Konstellation von Städten. Die alte Stadt kannte keine Über-gänge mehr, zwischen Stadt und Land. Die Landschaften wurden mehr und mehr vereinnahmt. Die alte Stadt hatte ihre Fassung verloren. Novum: Die Natur verbindet die Städte: Landschaft. Die Landschaften trennen die Städ-te. Die Peripherie ist Stadt geworden, die „Zwischenstadt“ ist Landschaft ge-worden, die Stadtlandschaft ist Stadt, oder sie ist Landschaft geworden: die Gebiete – Gewerbe, Industrie etc. – sind verschwunden, die Gebiete sind zu Landschaften oder sie sind zu Quartieren geworden, die Gebiete wurden Stadt, Stadt als Mischung. Die Städte nehmen innerhalb der neu gezogenen Grenzen zu, die Städte halten Abstand zueinander, die Landschaften ziehen ein und durch. Die Städte werden dichter, damit die Landschaften zunehmen können. Die Landschaften nehmen innerhalb der neu gezogenen Grenzen zu: mehr Landschaft, mehr Stadt! Eine Stadt zeigt die Form ihrer Landschaft, die Stadtteile die Charaktere ihrer Stadt, die Quartiere die Atmosphären ih-rer Stadtteile. Das Quartier ist maßstäblich, die Stadtteile überschaubar, die Stadt übersichtlich.
Kartenblatt / Legende zu Blatt I / VIII Metropole und zu Blatt II / VIII Städte und Landschaften Red.: Der sogenannte Rot-Blau-Plan stellt eine phänomenolo-gische Kartierung von Räumen vor und weist auf die diesbezügliche räumli-che Differenzierung wie auch auf den Zusammenhang von Architektur, Stadt und Land hin. Indem er topologische und typologische Grundlagen aufzeigt und in der Folge zu analytischen und konzeptuellen Voraussetzungen für das Entwerfen und den Entwurf führt, kann er als Methode und als Instrument be-schrieben und aufgefasst werden. Hier nimmt die Raumgestaltung der Land-schaften, der Städte, der Stadtteile, der Quartiere, der Plätze und Straßen, der Höfe, Zimmer und Wege und auch der Öffnungen ihren Anfang … Architekto-nische Räume, also Innenräume, die den baulichen Grenzen von Wänden ent-lehnt sind und die wegen ihrer Proportionen als solche erscheinen – beispiels-weise als Öffnungen, Zimmer, Höfe, Straßen und Plätze –, werden als „warme“ Räume grundsätzlich in Rot dargestellt; landschaftlich oder städtisch gebun-dene Außenräume, die wegen der Weite, Offenheit und „Leere“ keine archi-tektonischen Raumbildungen sind und als Felder erscheinen – beispielsweise als Landschaften, Parks, Siedlungen, Straßen-, Gleisanlagen und Brachen –, werden als „kalte“ Räume grundsätzlich in Blau dargestellt. Rot: städtisch ge-bundene Innenräumlichkeiten in abgestuften Rottönen nach dem Grad der Umschließung (dunkel- und mittelrot) und möglicher Erweiterungen (hellrot). Blau: landschaftlich und städtisch gebundene Außenräumlichkeiten in abge-stuften Blautönen mit Darstellung der nicht mehr zu erweiternden und / oder rückzubauenden Bestände (dunkelblau). Linie: „passive“ Grenzen: Infrastruk-turen, Gewässer etc.II / III Metropolitane Typologie. Wenngleich die Ideografie zu Stella (auf Blatt I und II) ganz im Zeichen der romantischen (= fantastischen) Idee von einer „Stadt der Städte“ steht, so folgen doch ihre exemplarischen Ausarbeitungen (auf Blatt III bis VIII) hier mehr der rationalen (= vernünftigen) Idee von einer metropolitanen Typologie nach, die der neuen Maßstäblichkeit der kommen-den Metropole mit generischem Charakter Rechnung trägt. Dem Einwand einerseits, diese Ideografie sei doch allzu optimistisch, können wir nur idealis-tisch begegnen, und dem Einwand andererseits, diese Typologie sei doch all-zu pessimistisch, können wir nur realistisch begegnen: Aber gerade diese Am-bivalenz zwischen Fantasie und Vernunft ist Idee, Programm und Konzept von Stella. Von Anfang an haben wir daher nicht nach „den“ drei geforderten Or-ten einer möglichen Intervention gesucht, sondern uns zunächst drei metro-politane Typen ausgedacht und erst in der Folge nach entsprechenden Orten ihrer Platzierung Ausschau gehalten …
III.I. Das poröse Massiv als vertikaler Kiez: Kreuzberg. Die Dichte in der Stadt der Städte hatte mehr und mehr zugenommen, auch in den alten Quartieren. Für die wenigen dort offen geblieben Areale wurden Gebote außer Kraft ge-setzt, Maße erhöht und neue Pläne aufgestellt. Die zu Beginn aufkommenden Widerstände konnten durch politisch initiierte Beteiligungsverfahren nach und nach zerstreut und aufgelöst werden. Nach der metropolitanen Typolo-gie kommen Massive [~695 ft] als autonome Hybriden vor. Allgemeine Einrich-tungen des Wohnens, der Versorgung, der Beschäftigung, der Bildung, der Kultur, des Sports, der Mobilität etc. wurden der funktionalen Disposition der Typologie eingeschrieben. Gemessen an der „urbanen Kapazität“ eines klei-neren Quartiers stellte sich der weitere Verbrauch an Erdboden als vertret-bar heraus. Massive zählen anteilig zur öffentlichen und anteilig zur privaten Räumlichkeit der Stadt, der Stadt der Räume. In der rotblauen Kartierung von Stella erscheinen die Massive in Rot, also generell mit innenräumlicher Ver-fasstheit. Massive verkörpern die neue Maßstäblichkeit der Metropole.
III.II. Die versammelten Türme und das offene Feld: Tempelhof. Die Fragmen-tierung und die Diskontinuität von peripheren Territorien der alten Stadt wur-den nach und nach innenräumlich – mit und an Straßen und Plätzen – ge-bunden, oder sie wurden außenräumlich – als Felder – gebunden und formal konturiert. Als solche Felder kamen verschiedene „städtische Kulturland-schaften“ in Betracht. Man verstädterte die Peripherien, die Peripherien wur-den Stadt. Nach der metropolitanen Typologie treten Türme in Gesellschaft mit Feldern auf. Die Türme konturieren das Feld und finden am Boden mit So-ckel und Block in den städtischen Körper zurück. Die Höhe der Türme [~695 ft] wird von der Weite des Feldes bestimmt. Felder sind stets Außenräume, die als „städtische Kulturlandschaften“ vorkommen. Felder zählen zur öffentli-chen, Türme zur öffentlichen und privaten Räumlichkeit der Stadt, der Stadt der Räume. In der rotblauen Kartierung von Stella erscheinen die Türme in Rot, also generell mit innenräumlicher Verfasstheit, die Felder in Blau, also generell mit außenräumlicher Verfasstheit. Türme und Felder verkörpern die neue Maßstäblichkeit der Metropole.
III.III. Der blaue Block oder die Stadtnatur: Wartenberg. Der scheinbare Ge-gensatz zwischen den beiden überlieferten Vorstellungen von Stadt – zwi-schen dem eher „landschaftlichen“ Wohnen mit und in der Natur einerseits und dem eher „städtischen“ Wohnen an Straßen und Plätzen andererseits – konnte mit Stella nach und nach überwunden werden. Man gab die Stadt-landschaften auf, trennte Stadt und Landschaft voneinander und fügte sie komplementär wieder zusammen: Das ist die Stadt-Natur von Stella. Nach der metropolitanen Typologie nehmen die großen Blöcke im Inneren Felder auf. Hohe Häuser in geschlossener Bauweise konturieren das Feld als städ-tisch gebundenen Außenraum. Die Höhe der Häuser [~139 – 278 ft] wird von der Weite des Feldes bestimmt. Felder sind hier Binnenräume als Außenräu-me, die sich als „städtische Kulturlandschaften“ – beispielsweise als Friedhö-fe, Schrebergärten, Parks, Wälder, Weiden und Wiesen – darstellen. Zwischen den Blöcken erscheinen Straßen und Plätze als Innenräume. Die Häuser gren-zen an Straßen und an Plätze und die Häuser grenzen an Landschaften. Die Binnenfelder zählen zur öffentlichen, die Blöcke, d. h. die Häuser der Ränder, zur privaten Räumlichkeit der Stadt, der Stadt der Räume. In der rotblauen Kartierung von Stella erscheinen die Häuser der Blockränder und die Stra-ßen und Plätze zwischen den Blöcken in Rot, also generell mit innenräumli-cher Verfasstheit, die Felder in Blau, also generell mit außenräumlicher Ver-fasstheit. Blaue Blöcke verkörpern die neue Maßstäblichkeit der Metropole.Stella – Sternbild Berlin Brandenburg 2070
urban essences Standort: Berlin www.urban-essences.com Team: Andreas Kriege Dipl.-Ing. Architekt, Hürth; Niklas Roser, Student Stadtplanung, Cottbus; Erimar von der Osten, Berlin Landschaftsplanung: Keller Damm Kollegen GmbH, München Fachplanung weiterer Disziplinen: Hoffmann-Leichter Ingenieurgesellschaft (Verkehrsplanung), Berlin
TEILRAUM 1 – HISTORISCHE MITTE „AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT“
TEILRAUM 2 – TEMPELHOFER FELD „URBANITÄT ALS RESSOURCE“
TEILRAUM 3 – GARTENREICH „DIE ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT“
Erläuterungen der Verfasser
BERLIN-BRANDENBURG 2070 – DIE ZUKUNFT DER GROSSZÜGIGKEIT VERTIEFUNG DES GESAMTPLANS – Die sternförmige Stadtstruktur Berlins wird ergänzt um weitere übergeordnete Prinzipien: 1. Plug-in-Region: Ein op-timal erschlossenes / versorgtes Netz von Siedlungskernen fördert Umland-beziehungen und entlastet das Zentrum. Die Entwicklungsachsen von Berlin nach Hamburg, Leipzig / Halle und Frankfurt / Oder werden infrastrukturell er-tüchtigt und strahlen auf das Umland aus. 2. Berlin Metropole: Das Profil des Berliner Stadtkerns als inspirierendes Herz einer vitalen Weltstadt wird ge-schärft. Eine stadtklimatisch / sozial bewusste Verdichtung und Qualifizie-rung intensiviert seine urbane Atmosphäre. 3. Gartenreich Brandenburg: In der Zone der äußeren Verkehrsringe entsteht ein Zusammenhang von Park-, Wege- und Blickbeziehungen. Wald- und Wasserflächen werden ergänzt, Re-gionalparks miteinander verknüpft, die Biodiversität wird gefördert, eine öko-logisch reformierte Land- und Forstwirtschaft harmonisch eingebettet in das tradierte Brandenburger Landschaftsbild. Erweiterungsoptionen für das Gar-tenreich bestehen unter Einschluss bestehender Biosphärenreservate nord-östlich als transeuropäisches Projekt mit Szczecin / Polen und südöstlich in Richtung des Cottbuser „Ostsees“. 4. Zwischenstadt: Zwischen Metropole und Gartenreich sind individuell-lokal vielfältig unterschiedliche Funktionen und Atmosphären möglich – frei von übergeordneten Leitbildern. 5. Neue Hoch-bahn: Ein neues Hochbahn-System ersetzt die heutige S- und Regionalbahn und erschließt Stadt und Region maximal komfortabel und effizient. Weitere Verbindungen entstehen ohne zusätzlichen Flächenverbrauch über oder ent-lang von Autobahnen und Bundesstraßen.
TEILRAUM HISTORISCHE MITTE –> AUF DER SUCHE NACH DER VERLORE-NEN ZEIT – „Alle diese aneinandergefügten Erinnerungen bildeten eine Art Masse. Dennoch gab es zwischen den älteren und den neueren – solchen, die eigentlich Erinnerungen anderer Menschen waren, von denen ich sie erst übernahm – wenn nicht gerade Risse oder richtige Brüche, so doch kleine Spalten oder wenigstens Änderungen und farbliche Unterschiede, wie sie bei manchen Gesteinsbildungen – besonders bei den Marmorarten – auf die Ver-schiedenheit des Ursprungs, des Alters oder der Formation zurückzuführen sind.“ (Marcel Proust, À la recherche du temps perdu) – Die ideologische Auf-ladung der Historischen Mitte Berlins wird aufgelöst zugunsten des Primats stadträumlicher Qualität. Die zentralsymmetrische Rauminszenierung der „Hauptstadt der DDR“ wird ebenso überwunden wie die nostalgische Idee einer „Altstadt-Rekonstruktion“. Erhaltenswerte Bauten werden um neue Bau-strukturen, Straßen und Platzräume ergänzt. Langfristig als nicht erhaltens-wert eingestufte Bauten werden zur Disposition gestellt. Einstmals in der His-torischen Mitte verortete Institutionen wie die Synagoge in der Rosenstraße oder die Zentralmarkthallen am Bahnhof Alexanderplatz werden in zeitgenös-sischer Interpretation wieder aufgegriffen. Der Fernsehturm wird eingebun-den in ein skulptural abgestimmtes Hochhausensemble. Neue Angebote der Hochkultur verändern das heute banal-kommerzielle Ambiente. Die bewusst ohne Zeitplan verkehrenden „Gartenreichfähren“ verbinden das Zentrum mit dem Gartenreich und laden zur Entschleunigung ein.
TEILRAUM NEUES STADTQUARTIER TEMPELHOFER FELD –> URBANITÄT ALS RESSOURCE – Mehr als lediglich die Befriedigung prognostizierter Flä-chenbedarfe, die naturgemäß zeitweise wachsen und auch wieder schrumpfen können, ist eine vitalisierende Weiterentwicklung der Atmosphäre und Aus-strahlung Berlins das Ziel der vorgeschlagenen neuen Stadtquartiere: Leben-dige Urbanität fördert Effizienz und Nachhaltigkeit, sozialen Austausch und Zusammenhalt, Inspiration und Experiment. Voraussetzungen ihrer Entfaltung sind ein nahtloser Zusammenhang qualitätvoller öffentlicher Räume, eine per-fekte Anbindung an komfortablen ÖPNV, für Einzelhandel / Gastronomie und Dienstleistungen geeignete Erdgeschosszonen, die bewusste Kultivierung der öffentlichen Sphäre der Stadt und ihre eindeutige Abgrenzung vom Privaten. – Wie für die Historische Mitte sehen wir auch für das Tempelhofer Feld ge-schlossene Blockbebauung und klassische Straßen- und Platzräume vor. Eng li-mitierte Parzellengrößen erzeugen ein lebendiges Stadtbild und ermöglichen eine kleinteilig gemischte Eigentümerstruktur. Die kontrastreiche Höhenstaf-felung der neuen Gebäude erlaubt die Verdichtung unterschiedlichster Funk-tionen, Atmosphären und Raumqualitäten und erzeugt ein heiter-spielerisches Stadtbild. Im räumlichen Dialog mit dem historischen Flughafengebäude kann ein neues, flexibel wandlungsfähiges Fußballstadion für Berlin entstehen (Um-wandlung zu großer Parkbühne durch verschiebbare Tribünen möglich). Im südlichen Bereich verläuft anstelle von A 100 und S-Bahn der neue, sämtliche Verkehrsarten in einem einzigen großzügigen Stadtraum integrierende Ring-Boulevard rund um die Innenstadt. Die zentral positionierte Gartenreich-Markthalle bietet nachhaltig produzierte Erzeugnisse aus dem Umland Berlins.
TEILRAUM GARTENREICH BRANDENBURG / LUISENLANDSCHAFT –> DIE ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT – „Nun nahm sich John die Uhr von St. James vor. Das Zifferblatt war an der Seitenkante des dicken Turms auf den Stein gemalt. Nur einen Zeiger gab es, und der musste dreimal am Tag vorgerückt werden. John hatte eine Bemerkung gehört, die ihn mit dem eigensinnigen Uhrwerk in Verbindung brachte. Verstanden hatte er sie nicht, aber er fand seitdem, die Uhr habe mit ihm zu tun.“ (Sten Nadolny, Die Entde-ckung der Langsamkeit) – Soll Berlins Metropolenherz zunehmend im engen Takt intensivierter Urbanität schlagen, bedarf es zum komplementären Aus-gleich eines betont „langsamen“ Gegenpols. Diese Grundidee des Garten-reichs wird hier anhand eines Areals nordwestlich von Potsdam exemplarisch veranschaulicht: Die nahezu vollständig von Wasser umgebene Fläche befin-det sich noch im Wirkungsbereich des Potsdamer Weltkulturerbes und liegt zugleich in der für die Ventilation und Kühlung der Stadt bedeutsamen West-windzone. Durch die neue Hochbahn über der A 10 optimal angebunden, kann sie einen der ersten Trittsteine des Gartenreichs ausbilden. – Eine Besonder-heit dieser Gegend liegt in ihrer Historie als dem westlich angrenzenden Schloss Paretz zugeordnetes ehemaliges Landgut: Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise ließen sich 1798 diesen für seine Zeit außergewöhnlich beschei-denen Sommersitz errichten. Ihr legendär „moderner“ Geist spiegelt sich wi-der in der entspannten Gelassenheit der Havellandschaft und der Lennéschen Landschaftsgärten. Letztere schmückten nicht nur die Königsschlösser, son-dern auch unzählige größere und kleinere Güter der Mark Brandenburg, die heute vielfach dem Verfall ausgesetzt sind. Das Konzept des Gartenreichs be-inhaltet die Chance, dieses kulturlandschaftliche Erbe vor dem völligen Ver-schwinden zu bewahren und neu zu vitalisieren. Für den Gartenreich-Park bei Paretz schlagen wir als Hommage an seine Geschichte den Namen „Luisen-landschaft“ vor. – So wie das Gartenreich als Ganzes beinhaltet die Luisen-landschaft ein ökologisch-klimabezogenes Moment, zudem eine ästhetische Dimension, die Kultur, Geschichte, Freizeit und Erholung mit einschließt, und schließlich Flächen für eine Renaissance des diese Region traditionell prä-genden kleinteiligen Gemüse- und Obstanbaus. Eine an Matisse angelehnte Landschaftsinszenierung aus Lavendelfeldern umfließt die sanfte Topografie, bindet alle drei Themen gestalterisch zusammen und schafft ein unverwech-selbares Signet für diesen Ort. Eine „Gartenreich-Akademie“ im Norden dient zur Vermittlung von Wissen über Natur und Landschaft. Unmittelbar östlich der Hochbahn-Station entsteht ein Innovationscampus für Forschung und Ent-wicklung mit zukunftsweisenden Arbeitsplätzen für die Region. „Gartenreich-fähren“ verbinden den Park und das Gartenreich mit der Stadt und laden zur Wiederentdeckung der Langsamkeit ein. Das Erleben landschaftlicher Schön-heit vermag Menschen emotional an Orte zu binden, Interesse zu wecken für Natur und Geschichte, Engagement zu motivieren für eine intakte Ökologie und eine lebenswerte Heimat.
STRATEGIEN ZUR REALISIERUNG –> KLEINTEILIGE VERANTWORTUNGSKUL-TUR UND NATIONALE LEUCHTTURMPROJEKTE – In Berlin entstehen heute Großprojekte, die den Maßstab der die Stadt prägenden Gründerzeit negieren und sie einer globalen Austauschbarkeit ausliefern. Auch in der Landwirtschaft Brandenburgs vollziehen sich zunehmend eine Konzentration und eine primiti-ve Ökonomisierung. Ausgeräumte Landschaftsbilder und die Entwertung von Boden, Wasser und Artenvielfalt sind die Folgen. Für Innenstadt wie Umland plädieren wir daher für eine Entwicklung zurück zu intelligenter Kleinteiligkeit und persönlicher Verantwortung. In den neuen Stadtquartieren setzen wir auf ein enges Größenlimit für Parzellen. Erbpacht-Modelle können dazu beitragen, den Einfluss gesamtgesellschaftlicher Bedürfnisse auf die Nutzung von Grund und Boden langfristig zu erhalten. In Umland und Region schlagen wir eine Rück-überantwortung von Souveränität auf die Dorfebene vor und die Aufteilung übergroßer Agrarbetriebe in überschaubare Einheiten. – „Berlin Metropole“ und „Gartenreich Brandenburg“ erheben einen besonderen Anspruch, der ein stark ausgeprägtes kulturelles Bewusstsein in Gesellschaft, Politik und Verwal-tung voraussetzt. Leuchtturmprojekte sind ein Mittel, um Impulse zu setzen und den Zeitgeist zu verändern. „Berlin Metropole“ und „Gartenreich Bran-denburg“ könnten in diesem Sinne als langfristig angelegte nationale Leucht-turmprojekte entwickelt werden: räumlich begrenzte Sonderzonen, in denen ein Regime spezifischer Prioritäten herrscht und bereits in kurzer Zeit außer-gewöhnliche Qualitäten anschaulich werden sollen. Je heller diese Projekte leuchten, desto stärker beeinflussen sie die allgemeine Wahrnehmung. Im bes-ten Fall schaffen sie damit sukzessive selbst die Voraussetzung ihres Erfolgs. Seit dem Aufstieg Berlins ist dieses Spannungsverhältnis ein wichtiger Faktor für die Ausbildung lokaler Identitäten. In Berlin selbst lässt sich ein ähnliches geladenes Verhältnis zwischen den Bezirken und Kiezen beobachten. Diese ‚Kultur des Unterschieds‘ ist eine der Stärken von Berlin und Brandenburg, die nicht nur aus Lokalpatriotismus besteht, sondern sich immer auch auf die vor Ort vorhandenen Möglichkeiten bezieht und diese weiterentwickelt. Gerade Orte im Berliner Umland können hier Stärken ausspielen, die Berlin nicht bie- ten kann. Unser Vorschlag: Schaffen von Clustern von Orten, die eine Stärke ins Zentrum rücken – Natur mit Kultur, nachwachsende Rohstoffe oder Wissen. Sie sind die Einheiten einer neuen Lebens-, Bildungs- und Produktionswelt. Sowohl virtuell als auch räumlich gut vernetzt mit dem Nahverkehr, bieten sie, was die großen, etablierten Sterne nicht im Angebot haben. Als offene Sys- teme können sie zu Sternbildern wachsen, die nicht nur regionale Bedeutung haben, sondern sichtbares Zeichen in der Welteninsel sind.
Hoidn Wang Partner Standort: Berlin www.hoidnwang.de Team: Matías Grimaldi della Bianca, Kevin Ho Jun Choi, José Rodríguez López Landschaftplanung: Tilman Latz, Latz + Partner, Landschaftsarchitektur Fachplanung weiterer Disziplinen: Paul Rogers, Abdelrahman Helal, Aron Bohmann, Buro Happold, Berlin; John Peponis, Georgia Institute of Technology; Chen Feng, The University of Texas at Austin; Meta Berghauser-Pont, Jan Sahlberg, Chalmers University Gothenburg; Richard Burdett, London School of Economics
TEILRAUM 1 – „ INNENSTADT“ BEISPIEL WESTKREUZ
TEILRAUM 2 – „AUSSENBEZIRK“ BEISPIEL RADIALE KÖPENICKER PROSPEKT
TEILRAUM 3 – „UMLANDGEMEINDE“ CAMPUS – STADT LUDWIGSFELDE
Erläuterungen der Verfasser
Berlin-Brandenburg 2070 >Prinzipien und Konzepte für die Regionalplanung und für den Städtebau >>Die urbane Agenda neu gestalten Jede Form radikalen Denkens, die die Gesellschaft prägt, erfordert radika-le Formen der Entscheidungsfindung und Regierungsverantwortung. Nie zu-vor stand die Zukunft der Städte so im Vordergrund globaler Politikdebatten wie jetzt, wo ihre Auswirkungen auf die Umweltgerechtigkeit und den so-zialen Zusammenhalt greifbarer und realer werden. Die historische Gelegen-heit, Städte neu zu denken und das Business-as-usual-Modell in eine Richtung zu lenken, wodurch Wachstum, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit gefördert werden, ist weltweit von visionären Stadtpolitikern erkannt. Aber erst weni-ge Städte haben sich zu einer langfristigen Veränderung verpflichtet, die die Art und Weise, wie Menschen leben und mit ihren natürlichen Lebensräumen interagieren, für viele kommende Generationen neu gestalten wird. Die Ini-tiative Berlin-Brandenburg 2070 bietet der Stadt, der Region und dem Land diese Möglichkeit. Die in diesem Entwurf dargelegten Gestaltungsprinzipien stellen einen Paradigmenwechsel für eine Metropolregion mit einer aus-geprägten und hoch geschätzten DNA dar. Die gesamte Region leidet je-doch unter wenig nachhaltigen Formen der Entwicklung und des Lebensstils, die ein radikales Umdenken und Umgestalten erfordern. Um diese radika-len Ideen umzusetzen, sind neue Koalitionen und Kooperationen erforder-lich. Verschiedene nationale, staatliche und kommunale Regierungsebenen müssen sich auf eine Vision einlassen, die unterschiedliche Maßstäbe, Gren-zen und Gerichtsbarkeiten aufbricht. Auf lokaler Ebene müssen die Bewohner sicherstellen, dass es lohnende Kompromisse gibt, bevor sie das Ausmaß der von diesem ehrgeizigen, aber umsetzbaren Plan vorgeschlagenen Intensivie-rung und Umstrukturierung unterstützen. Der Privatsektor muss sich an der gemeinsamen staatsbürgerlichen Agenda beteiligen, um langfristig einen Mehrwert für sein Vermögen und seine Investitionen zu sichern.
Um die physischen und gestalterischen Vorschläge zu liefern, die die vor-handene DNA der Stadt optimieren, sind neue Governance-Strukturen und Partnerschaften erforderlich. Positive Modelle existieren: In London trägt die Mayoral Development Corporation dazu bei, das Erbe der Olympischen Spie-le 2012 über die nächsten 40 Jahre so zu gestalten, dass die andauernden Un-gerechtigkeiten in der Stadt korrigiert werden. Die Initiative Réinventer Paris legt eine fortschrittliche Umwelt- und Sozialagenda fest, die dem Bürgermeis-ter ermöglicht, Projekte auf öffentlichem Land durchzuführen, die der städti-schen Qualität den Vorrang über den Preis einräumen. Dieser Wettbewerbsvorschlag verbindet ökologische Prinzipien mit gestalte-rischen, stadträumlichen Konzepten. Berlin und Brandenburg sollen mit den hier vorgestellten ökologischen Prinzipien und Gestaltungskonzepten wei-terhin in ihren ursprünglichen Eigenschaften nicht nur erkennbar bleiben, sondern von nun an komplementär zum Klimawandel entwickelt und gestärkt werden.
>>Vier ökologische Prinzipien >Berlin und Brandenburg sollten sich mithil-fe der folgenden ökologischen Prinzipien auf den Klimawandel vorbereiten: >1. Verringerung der CO2-Emissionen, Bekenntnis zu einer ressourcenscho-nenden, regionalen Kreislaufwirtschaft; >2. Neubau nur auf bereits versiegel-ten Flächen, Verringerung des Versiegelungsgrads und Anlage intensiv nutz-barer Grünflächen; >3. Erhöhung der Bevölkerungsdichte von derzeit 4.000 auf 5.000 P / km² und verbesserte Wegeverbindungen zwischen den Berliner Außenbezirken sowie verbesserte Verkehrssysteme innerhalb Brandenburgs; >4. Herstellung menschengerechter Mobilität in der Region sowie in den Städten mit Vorrang für Fahrradnutzung, öffentliche Verkehrssysteme und umweltfreundliche Personenfahrzeuge.
>>Fünf Gestaltungskonzepte >Hieraus leiten sich folgende Konzepte für die Regionalplanung und für die Stadtgestaltung ab: >1. Kreislaufwirtschaft und CO2-Senken >Das Land und die Städte werden in Energie-, Nahrungsmittel-, Wasser- und Wertstoffkreisläufe eingebunden. In den Brandenburger Wäldern wachsen die Rohstoffe für Neubauten. Im Süden von Bernau bis in den Nordwesten Berlins entsteht ein neuer Forst als Beitrag zu einer CO2-Senke, innerstädtisch unterstützt durch die Anlage großer Parks mit hohem Gehölzanteil und biologisch aktiven Regenwasser-rückhaltesystemen. >2. Versiegelungsgrad und Grünflächen >Neubauten werden nur auf bereits versiegelten Flächen errichtet; darüber hinaus ist eine Verringerung des Ver-siegelungsgrads vorgesehen. Wo möglich, sollen bestehende Grünflächen, auch Gartenkolonien und Friedhöfe, zu größeren, öffentlichen Freiräumen zusammengefasst werden, um so einen Beitrag zur Verringerung des inner-städtischen Hitzestaus zu leisten und die Bildung lokaler Frischluftschneisen zu begünstigen. Gartenkolonien werden bei konstantem Versiegelungsgrad zu urbanen Landwirtschaftsflächen mit kombinierter Arbeits- und Wohn-nutzung an deren Rändern umgebaut. >3. Seen, Flüsse und Kanäle als städtebauliche Elemente >Durch Ausübung des öffentlichen Vorkaufsrechts werden private Liegenschaften an Seen und Flüssen erworben, um den öffentlichen Zugang zu den Gewässern zu sichern und, wo möglich, die angemessene Renaturierung der Gewässer durchzufüh-ren. Nicht nur zur verstärkten Aufnahme von Sturzregen, sondern auch als stadtwirksame Elemente sollen Kanäle umgestaltet beziehungsweise neu an-gelegt werden, die auch für Vaporetti genutzt werden können. >4. Nachverdichtung und höhere Dichte >Die Prinzipien des barrierefreien Zu-gangs, der sozialen und funktionalen Mischung und der Gerechtigkeit werden den Entwurf einzelner Bauten wie ganzer Nachbarschaften bestimmen, um starke lokale Gemeinschaften herzustellen und um den Pendelverkehr zu ver-ringern. Verschiedene Lebensmodelle werden in der Verbindung und Überla-gerung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit in unmittelbarer Nachbarschaft ih-ren Raum finden. In der Region soll neuer Wohn- und Arbeitsraum vorrangig in dichte und nachverdichtete Stadtquartiere und Siedlungen integriert wer-den. Alle Wohnungsbausiedlungen werden auf ihr Nachverdichtungspoten-zial untersucht. Der vorliegende Wettbewerbsbeitrag geht für diesen Bereich insgesamt von einem Ausbaupotenzial für 1 Million Personen aus. >5. Ringe und Radialen >Die autogerechte Stadt des 20. Jahrhunderts soll zur menschgerechten Stadt des 21. Jahrhunderts umgewandelt werden. Dazu werden die typischen Berliner Wachstumsringe im größeren Maßstab wei-terentwickelt und aktualisiert: Eine Reihe von neuen Wachstumsringen von der Innenstadt über die Außenbezirke bis in die Umlandgemeinden stärkt eigene Identitäten; markante Radialen mit urbanen Eigenschaften tragen eine hohe bauliche Dichte nach außen. Drei neue Ringsysteme erweitern die inne-re Stadt und gliedern Außenbezirke und Land:
>1. Ring-Boulevard >Die A 100 wird zum stadträumlich erlebbaren Innen-stadtring mit hochverdichteter, gemischt genutzter Bebauung und öffentli-chen Einrichtungen. Neue Hochhäuser geben stadtweite Orientierung. Der neue ebenerdige, 39 Kilometer lange Ring-Boulevard und die nachverdich-teten radialen Magistralen vereinen die Innenstadt mit allen Außenbezirken. Der Ring-Boulevard ist zwischen 60 und 80 Meter breit, mit vier Baumreihen bepflanzt und mit Kiosken, Bars und Cafés ausgestattet. Er wird als beson-ders gestalteter urbaner Aufenthaltsraum verstanden, der sowohl kommer-ziellen als auch nicht-kommerziellen Aktivitäten zur Verfügung stehen soll. Damit überwindet der Ring nicht nur symbolisch die Ost-West-Trennung, son-dern auch die traditionelle Unterscheidung in Innenstadt und Außenbezirk. Er ist eine Einladung an alle, die ebenerdige Stadt als attraktiven öffentlichen Raum wiederzuentdecken. Entlang des Innenstadtrings und der Radialen ist eine Nachverdichtung mit hohen Bauten möglich, die insgesamt 1 Millionen Personen aufnehmen kann. >2. Ring: Wasser- und Radwegering >Im Süden wird der Teltowkanal von Köpenick bis Potsdam als 42 Kilometer langes Wegesystem und Nachverdich-tungsgebiet erschlossen und als Tangente an das regionale Radwegenetz an-geschlossen. Im Norden bildet ein neuer Kanal das Pendant zum Teltowkanal und schließt damit den 2. Ring ab. >3. Ring: A 10 >Die Autobahn A 10 wird als Grenze des Stadtwachstums Berlins begriffen. Innerhalb dieser Grenze wird die Entwicklung Berlins nach innerstädtischen Kriterien nachverdichtet (GFZ mind. 1.5), hierfür sind ver-tragliche Vereinbarungen für die Baulandausweisung beziehungsweise für den Grundstückstausch zwischen Berlin und Brandenburg erforderlich. >4. Ring: Ringbahn >Was der Ring-Boulevard für Berlin bedeutet, stellt die Ringbahn für die Region dar. Sie soll in ihrem viergleisigen Ausbau dicht ge-taktete lokale wie regionale Züge aufnehmen. Das Gleiche gilt für die S-Bahn: Sie soll außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings auf viergleisigen Viadukten, in denen gewerbliche Nutzungen untergebracht werden, lokale wie Express-züge aufnehmen. Die Viadukte ersetzen die Bahndämme, reproduzieren da-bei Qualitäten der innerstädtischen S-Bahn-Viadukte und steigern die Quer-verbindungen und Entwicklungspotenziale. Die radialen Regionalstrecken, S- und U-Bahnen werden verlängert, um an der Ringbahn für Pendler ideale Umsteigeknoten zu bilden. >5. Ring: Brandenburger Bahn >Zur Stärkung der Eigenständigkeit der weite-ren Umlandregion und zur Verbesserung des Regionalnetzes wird der große Brandenburger Ring geschlossen.
FAKT – Office for Architecture, Kern Tessarz Tratz Architekten PartGmbB Standort: Berlin www.fakt-office.com Team: Oksana Chebina Landschaftsplanung: Lohrengel Landschaft
TEILRAUM 1 – UMFELD ZEUTHEN, EICHWALDE
TEILRAUM 2 – SCHMÖCKWITZER WERDER
TEILRAUM 3 – ÜBERGANGSBEREICH BERLIN-BRANDENBURG
Erläuterungen der Verfasser
URBAN ARCADIA Berlin-Brandenburg 2070 / 2020 – SONDERZONE. DER GRENZBEREICH ALS KOOPERATIONSRAUM Berlin ist eine besondere Stadt, das gilt für das Innen wie für das Außen des Siedlungsraums. Gerade nach der zunehmend erfolgten Verdichtung der inneren Bereiche Berlins sollten jetzt die Außenstadt und die para-urbanen Räume viel mehr Beachtung finden. Denn auch hier wächst Berlin enorm, beinahe unbemerkt. Nur wer die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg als Raum betrachtet und begreift, entdeckt die unglaublichen verborgenen Potenziale und Möglichkeiten eines qualifi-zierten und neuartigen Wachstums.
ms. (BRA) + (BER) LANDKREISE UND BEZIRKE EINBINDEN „ATELIER BERLIN-BRANDENBURG”. Die neuen Hauptakteure lie-gen am Rand! Der Fokus der Planung verschiebt sich von der Mitte an den Stadtrand, erstmals sind es die Randbezirke Berlins sowie Berlin-nahe Gemein-den beziehungsweise Kreise Brandenburgs, auf die das Hauptaugenmerk der Entwicklung gelegt wird. Waren es bisher das Flächenwachstum Berlins und der so wachsende Einflussbereich der Bauordnung Bln., so zeigen aktuelle Pro-jekte wie der Flughafen oder die Gemeinsame Landesplanung Berlin-Branden-burg eine koordinierte Entwicklung, die von beiden Seiten gedacht wird. Die-se positive Tendenz soll weitergedacht werden, die große Herausforderung des Berliner Stadtrands kann nur gelingen, wenn auf einer kommunalen Ebe-ne alle Anrainer der Grenze miteinbezogen werden, die Symbiose von städti-schen und ländlichen Qualitäten gemeinsam entwickelt wird. 2030 – BIS ZU 99 MINI-IBAs. Aus bis zu 99 Mini-IBAs entstehen 99 visionäre und lokale Mini-Regelwerke und zeigen die legislativen Potenziale, mit denen private Nachbar-schaften und Naturinseln sich entwickeln können. Statt repressiver Einschrän-kungen werden Zugeständnisse an eine sich verdichtende Stadt gemacht und diese qualitativ gesteuert, indem Diversität und landschaftliche Qualitäten gefördert werden. Die Berliner Stadtgrenzen sollen bewusst als Sehnsuchts-raum entdeckt und entwickelt werden, hier kann nur ein Erforschen und ein Verständnis des Vorhandenen und Gefundenen ein sinnvoller erster Schritt sein. Das gilt für reizvolle Naturelemente, aber auch für scheinbar reizlose Einfamilienhausgebiete. Dennoch sind bewusst aktuelle Sujets zu formulieren, mit denen die Qualitäten des Stadtrands entweder gestärkt oder ergänzt wer-den müssen: öffentliche Räume, Sharing auch im Sinne der Bündelung, Mobili-tät, Landschaft sowie Mikronatur. Mithilfe bestehender Regelwerke der Stadt-planung werden kreative Ergänzungen aus lokalen Phänomenen abgeleitet, es entstehen spannungsreiche, charaktervolle Nachbarschaften, Stadtquartiere und Grüninseln, deren Miteinander ein Stadtmodell der Zukunft formuliert.
QUALITÄTEN FÖRDERN (A), SCHAFFEN (B), BEWAHREN (C). BAUSTEIN A: RETROFITTING SUBURBIA. Nachbarschaften entlang der Achsen des Sied-lungssterns werden gestärkt / belebt. Der Schwerpunkt des Bausteins A liegt in Strategien für bereits bebaute Wohngebiete / Einfamilienhaussiedlungen ent-lang vorhandener Infrastrukturachsen, vor allem durch Bahn und ÖPNV. Hier wird eine sinnvolle Verdichtung vorgeschlagen, sowohl im Sinne des Maßes der Nutzung als auch durch programmatische Diversität und neue Anbindun-gen. Die Vielzahl der hier bereits ansässigen Akteure und Eigentümer macht klassische Entwicklungspläne wirkungslos, deshalb wird eine Implementierung von besonderen Bauregeln als Ergänzung vorgeschlagen. Diese sind gebiets-bezogen zu entwickeln und vorzugsweise nicht restriktiv, sondern erlauben ein gefördertes, gesteuertes „Mehr“.
BAUSTEIN B: URBAN HUBS. Zwischen Stadt und Umland, am Schnittpunkt leistungsfähiger Infrastrukturen, Wohnen + Pro-duktive Stadt: Neubaugebiete sollen, mehr als bisher, die örtlichen Gegeben-heiten einbeziehen und aus den örtlichen Spezifika entwickelt werden. Hier-bei sind sowohl räumliche als auch typologische Neuerfindungen angebracht, die eine sinnvolle Dichte an Wohnen mit den reichen Naturräumen vereinen und einen neuen Stadttyp formulieren. Wie können Neubaugebiete mit den räumlichen Gegebenheiten und aus den örtlichen Spezifika entwickelt wer-den? Weniger Tabula rasa in der Umstadt, sondern Stadtentwicklung, die Vor-handenes weiterentwickelt und Urbanität und Natur im Gleichtakt denkt und verdichtet. In Berlins Tradition einer polyzentrischen Stadt und bei den heuti-gen Beispielen von Kristallisationspunkten außerhalb der Kernstadt (Adlershof, Tesla, BER, TXL Urban Tech Republic etc.) werden dichte Subzentren an strate-gisch sinnvollen Standorten entwickelt, gut angeschlossen an Bahn und Straße und im Wechselspiel mit reizvollen landschaftlichen Situationen, die erhalten und wahrnehmbar werden. Sowohl räumlich als auch typologisch profitieren diese Kleinzentren von Neuerfindungen, die eine sinnvolle Dichte an Wohnen mit den reichen Naturräumen vereinen und einen neuen, zeitgemäßen Stadt-typ formulieren. Ein robust-flexibles urbanes Entwicklungsmodell kann statt durch festgelegte Bebauungspläne eher durch ortsspezifische Parameter und Regelwerke sichergestellt werden, die gemeinschaftlich in Workshops entwi-ckelt werden.
BAUSTEIN C: LANDSCHAFTSPARKS. Große Natur-Territorien steuern das Wachstum und erhalten Natur in und an der Stadt. Landschaft und Leisure: Schützenswerte Naturräume werden definiert und über einzelne qua-litative Maßnahmen erlebbar gemacht oder im Sinne einer produktiven Natur-landschaft aktiviert. Sinnvolle Ergänzungen unseres Rechtsverständnisses des „Außenraums“ ermöglichen den Erhalt von Natur mit experimentellen Ergän-zungen. Bestehende Naturräume müssen geschützt werden. Ergänzend soll-te hier über einzelne qualitative Maßnahmen nachgedacht werden, die diesen Raum als Naherholung erlebbar machen und im Sinne einer produktiven Na-turlandschaft aktivieren. Sinnvolle Ergänzungen unseres Rechtsverständnisses des „Außenraums“ ermöglichen den Schutz eines intensiven Grüns mit sinn-vollen und experimentellen Ergänzungen. Stadtnahe Grünräume dienen ver-mehrt als produktive Natur- / Ferien- / Erholungsräume und für Instant-Urlaub. Sie sind zugleich enorm wichtig für Stadtklima, Durchlüftung und einen Erhalt beziehungsweise eine Erhöhung der Biodiversität. Die neu geschaffenen re-gionalen Landschaftsparks ergänzen das Grünband um wichtige Schutzzonen und Möglichkeiten für experimentelle Grünräume und Naherholung der Zu-kunft.
URBAN ARCADIA – MOBILITÄT. Neue Verbindungen als Ringsegmen-te für eine vernetzte und polyzentrische Außenstadt. Grundvoraussetzungen für erfolgreiche neue Quartiere sind eine Mischung an Typologien und ein Mix an Nutzungen. Darüber hinaus ist eine hochbelastbare Anbindung, vor allem durch ÖPNV, ein entscheidender Faktor. Zusätzlich zum Ausbau der beste-henden Arterien im Umland schlagen wir einen neuen Ringschluss vor, der untereinander verbindet und Querverbindungen eröffnet. 2020 ergibt sich die Chance, am Stadtrand und zwischen den vorhandenen Ringlinien (Ringbahn und Berliner Ring) neue orbitale Verbindungen anzubieten. Statt eines kom-pletten Rings sollen es fünf sinnvolle Ringsegmente sein, aus Schnell-Tram und Fähre (Spree und Havel).
URBAN ARCADIA – TEILHABE. Runder Tisch 2.0 / Eine Website und App zum Abstimmen und Markieren von Orten und Planungen. Neue Akteure, neue Stadt! 9 Berliner Bezirke und 9 Brandenburger Kreise an der gemeinsamen Landesgrenze stehen für einen Neuanfang und ein neues Verständnis von städtischem Wachstum. Statt (Planungs-)Kompetenz nur zen-tral zu bündeln, wird die Landesgrenze ein neuer Kooperationsraum der expe-rimentellen Wohnkonzepte und kreativen Stadtmodelle, und diese werden ge-nau auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt. Die kleinen IBAs, zusammengefasst unter einer Dach-IBA, fördern die überaus notwendi-ge intensive Auseinandersetzung von Stadtplanern und Architekten mit der wichtigen Fragestellung nach diesem Raum der Zwischenstadt im Dialog mit den Bewohnern. Entstehende Projekte können aktuelle Entwicklungen und das generische Suburbia über die Berliner Grenzen hinweg hinterfragen und wer-den Ideen und Visionen für neue, ungekannt-spannungsvolle Räume und Stadtbausteine fördern.
2070 – URBAN ARCADIA BERLIN. Als „Urbanes Arkadien“ hat Berlin die ein-malige Chance, den Stadtrand zu entwickeln: ein grünes, dichtes Band an in-tensiven Naturräumen, neuem Wohnen und aufgewerteten Einfamilienhaus-gebieten. Berlin wurde in den letzten 100 Jahren geprägt von unglaublichem Wachstum und merkwürdigen Phasen des Stillstands oder gar Schrumpfens. Dieses „Sowohl als auch“ hat eine Vielfalt an Besonderheiten hervorgebracht oder übrig gelassen – diese sind gerade am Stadtrand noch vorhanden, was uns heute mit der Aufgabe des Bewahrens und Fortentwickelns betraut. Wo im heutigen Stadtdiskurs oftmals die äußeren Bereiche in einem blind spot der Aufmerksamkeit liegen, schlagen wir eine Umkehr dieser Aufmerksam-keitsgewohnheit vor – der Rand rückt ins Zentrum der Betrachtung. Unser Vor-schlag definiert eine Sonderzone, die diesen erkannten räumlichen Wert in einen planerischen Fokus umsetzt. Die Anrainer beider Seiten der Bundes-landgrenze werden die neuen Handelnden für die Zukunft der Metropolregion Berlin-Brandenburg sein. Die Berliner Stadtgrenzen sollen bewusst als Sehn-suchtsraum entdeckt und entwickelt werden, hier kann nur ein Erforschen und ein Verständnis des Vorhandenen und Gefundenen ein sinnvoller erster Schritt sein. Dennoch sind bewusst aktuelle Sujets zu formulieren, mit denen die Qua-litäten des Stadtrands entweder gestärkt oder ergänzt werden müssen, Schritt für Schritt … Der Randbereich Berlins wird als eine Kette spannender Identi-täten zelebriert und als Raum großer Potenziale entdeckt. Die vielen Beiträ-ge und Versuchsgebiete werden sich der gemeinsamen Frage stellen, wie die Metropolregion Berlin hier wachsen will und kann, welche Qualitäten wir schüt-zen und stärken wollen. Muss der Stadtrand nicht anders funktionieren als die innere Stadt – und welche Form von Stadt (er-)finden wir hier, wie leben wir in neuen Nachbarschaften, die sowohl Stadt als auch Natur sind?
MLA+ Berlin (Müller Michael Architekten PartGmbB) / MLA+ Rotterdam (MLA+ B. V.) / manufacturing cities Hamburg / HOSPER landschapsarchitectuur en stedenbouw Standort: Berlin / Hamburg / Rotterdam www.mlaplus.com www.manufacturingcities.com www.morelandscape.nl Team: Markus Appenzeller, Martin Probst, Christoph Michael, Maximilian Müller, Robert Younger, Ildar Biganyakov, Kai Michael Dietrich Fachplanung weiterer Disziplinen: MORE Landscape (Hanneke Kijne, ehem. Hosper landschapsarchitectuur en stedenbouw), Martin Aarts, Uli Hellweg, Studio Amore (Burke Harmel Jank GbR), Sven Kröger
DENKMODELL 1
DENKMODELL 2
DENKMODELL 3
DENKMODELL 4
DENKMODELL 5
DENKMODELL 6
Erläuterungen der Verfasser
Die Welteninsel Berlin Brandenburg 2070 – Vom Stern zur Galaxie: Vieles ist heute unsicher. Wie werden wir in 50 Jahren leben? Wie wird der Klimawan-del unsere Städte verändern? Wie werden Städte geführt? Diese Fragen las-sen sich nur schwer für lange Zeiträume zuverlässig definieren. Technologie, Urbanisierung und sozio-ökonomische Entwicklungen verändern Agglomera-tionen immer schneller, und eine Veränderung dieser Dynamik scheint un-wahrscheinlich. Berlin und sein Umland sind beides: gebaute – oder eben nicht gebaute – Realität, aber auch Lebensgefühl und Denkweise. Gerade die letzten 100 Jahre und gerade Berlin zeigen, dass sich das Gebaute und das Geplante radikal, geradezu revolutionär verändern können. Berlin und Brandenburg als Denkbilder – als State of Mind – entwickeln sich evolutionär. Sie verbinden mühelos Fontane und Berghain, Humboldt und Scharoun oder Schinkel und Eberswalde. Was muss eine Zukunftserzählung 2070 für Berlin und das Brandenburger Umland darum leisten? Wir meinen: Sicher etwas an-deres als die Leitbilder des Wettbewerbs von 1910. Sie muss nicht präzise räumliche Vorgaben machen, sondern vor allem Denkbilder erzeugen. Diese Bilder nehmen das spezielle Berlin-Brandenburger Lebensgefühl auf, stärken es und erweitern es wo notwendig. Sie laden das, was diese Region ausmacht, positiv auf. Deshalb verzichtet unser Vorschlag auf detaillierte Pläne und er-setzt sie durch sechs strategische Narrative, die zu einem großen Gesamtbild zusammengeführt werden.
Leitbild. Der Stern ist das aktuelle Leitbild der Stadtentwicklung Berlins. In seiner Struktur wird er dem Wesen des Agglomerationsraums nicht gerecht. Berlin war nie eine monozentrische Stadt. Das Umland hat selbst veritable Zentralitäten, denen man mit dem singulären Bild des Sterns nicht gerecht werden kann. Wir schlagen deshalb die Welteninsel Berlin-Brandenburg als neues Leitbild vor. Als Begriff geprägt von Alexander von Humboldt, ent-spricht sie nicht nur mehr dem polyzentrischen Berlin und seinem Branden-burger Umland, sondern ist auch tief lokal verwurzelt. Die Welteninsel ist dy-namisch, lässt Raum für neu entstehende Zentralitäten, die heute noch nicht absehbar sind, und fördert auch die Stärkung bestehender Zentren. Die Wel-teninsel kennt Masse und Leere, Lebensräume, Sternbilder, Sternenstaub, Gravitation und Umlaufbahnen. Phänomene, die wir in Berlin-Brandenburger Narrative überführt haben
100 % Stadt 100 % Landschaft. Der Westen Berlins war lange eine Großstadt ohne Hinterland. Freiraum war ein knappes Gut, das geschützt wurde. Die In-sellage erzeugte Extreme: hohe städtische Dichte hier, Leere und Landschaft jenseits des Grenzzauns. Im Osten Berlins entstanden – aus dem sozialistischen Städtebau heraus – an vielen Stellen ähnliche Raumkonstellationen. Heute ha-ben Berlin und Brandenburg deshalb eine einzigartige Beziehung, die eine der Schlüsselqualitäten der Region ist. Sie ist nicht geprägt von einer endlosen suburbanen Zone. Hier treffen Extreme aufeinander, die es so am Rand keiner anderen Metropole gibt: 100 % Stadt hier – hohe Dichte, städtisches Flair und vom Menschen dominierte Räume – und 100 % Landschaft dort – geringe Dich-te und ländliche Naturräume. Unser Vorschlag: Unbewusst und ungeplant hat sich die Welteninsel eine Entwicklungsstrategie von 100 % Stadt, 100 % Land-schaft geschaffen, die zukünftigen Herausforderungen von Klimawandel über Energiewende bis hin zum Erhalt von natürlichen Lebensräumen in idealer Wei-se gerecht werden kann. Sie sollte nicht nur am Rand der einzelnen Siedlungs-kerne genutzt werden, sondern auch an den inneren Peripherien. Große freie Flächen sollten frei bleiben: Parks, Brachen, ungenutzte Industrie- und Bahn-gelände. Berlin und die Städte und Dörfer um Berlin können sich nach innen verdichten – Platz ist vorhanden, man muss ihn nur effizient nutzen.
Das (sic!) blaue Archipel. Berlin ist eigentlich eine Stadt am Wasser, Branden-burg ist eine Wasserlandschaft. Beide nutzen diese Qualitäten zu wenig. Es gibt keine starke Beziehung beider, denn Wasser verbindet nur, wenn die Räume, in die das Wasser eingebettet ist, erlebbar sind und Verbindungen erlauben. Unser Vorschlag: Wasserverbindungen zwischen Berlin und seinem Umland werden verstärkt und erweitert. Die Hauptausfallstraßen und Achsen Berlins werden so modifiziert, dass hier neue ‚Aquamagistralen‘ entstehen. Die neuen und die bestehenden Wasserläufe werden durch begleitende Ökosysteme und durch Rad- und Fußverkehrsnetze zum Tor zum blauen Archipel. Wasser und Natur durchdringen Berlin und erhöhen die Resilienz. In Berlin entsteht ein öffentlicher Raum, der nicht nur grünblaue Qualitäten der Stadt hinzufügt, sondern Berlinern den Zugang zur Brandenburger Landschaft ermöglicht. Die Sternbilder. Berlin wäre nicht Berlin ohne Potsdam, Bernau oder Orani-enburg. Brandenburg wäre nicht Brandenburg ohne Berlin in seiner Mitte. Seit dem Aufstieg Berlins ist dieses Spannungsverhältnis ein wichtiger Faktor für die Ausbildung lokaler Identitäten. In Berlin selbst lässt sich ein ähnliches geladenes Verhältnis zwischen den Bezirken und Kiezen beobachten. Diese ‚ Kultur des Unterschieds‘ ist eine der Stärken von Berlin und Brandenburg, die nicht nur aus Lokalpatriotismus besteht, sondern sich immer auch auf die vor Ort vorhandenen Möglichkeiten bezieht und diese weiterentwickelt. Gerade Orte im Berliner Umland können hier Stärken ausspielen, die Berlin nicht bie-ten kann. Unser Vorschlag: Schaffen von Clustern von Orten, die eine Stärke ins Zentrum rücken – Natur mit Kultur, nachwachsende Rohstoffe oder Wissen. Sie sind die Einheiten einer neuen Lebens-, Bildungs- und Produktionswelt. Sowohl virtuell als auch räumlich gut vernetzt mit dem Nahverkehr, bieten sie, was die großen, etablierten Sterne nicht im Angebot haben. Als offene Sys-teme können sie zu Sternbildern wachsen, die nicht nur regionale Bedeutung haben, sondern sichtbares Zeichen in der Welteninsel sind.
Der neue Himmel über Berlin. Die Veränderung des Weltklimas ist fossilen Brennstoffen geschuldet, die irgendwann zur Neige gehen werden. Städte müssen ihren Energie- und Nahrungsmittelbedarf anders stillen – nicht an fer-nen Orten, sondern in der Region oder in der Stadt selbst. Dabei sollte kein Quadratmeter zusätzlich versiegelt werden und möglichst viel Fläche mehr-fach genutzt werden. Unser Vorschlag: Die Gebäude in der Welteninsel haben eine fünfte Fassade – die Dächer, die kaum genutzt werden. Sie können zur Energie- und Nahrungserzeugung aktiviert werden. Beinahe 50 Prozent des heutigen Stromverbrauchs von Berlin würden sich über Solarnutzung decken lassen. Viele der Flachdächer in Berlin könnten darüber hinaus als Dachacker zum Anbau von Gemüse genutzt werden. Biogas könnte in lokalen Ballons ge-speichert werden. Großkraftwerke und -märkte werden ersetzt durch Energie-produktionsnetzwerke und städtische Landbaugenossenschaften. Der neue Himmel über Berlin ist dann nicht mehr grau und menschenleer, sondern grün und voller Leben. Im Berliner Umland können die omnipräsenten ehemaligen Militärstützpunkte zu hochverdichteten Produktionsstandorten für Nahrung und Energie umfunktioniert werden. Durch ihre Kompaktheit und den industri-ellen Maßstab entstehen hier die Energiezentralen des postfossilen Zeitalters. Die Stadt, die immer wird und niemals ist. Berlin ist eine Stadt, die niemals fer-tig sein wird. Darum wird auch Brandenburg niemals fertig sein – niemals fer-tig sein können. Dies gilt sowohl räumlich als auch in Bezug auf seine Bewoh-ner. Sie wollen mitreden und mitbestimmen. Sie wollen ihre Stadt und ihre Landschaft gestalten. Jeder ist Kiez, Berlin oder Brandenburg. Die Bewohner können eine wichtigere, ja sogar die entscheidende Rolle in der Stadt- und Regionalentwicklung spielen. Unser Vorschlag: Stadt und Region werden in Makro- und Mikrozonen unterteilt. Die Makrozonen sind die Teile, die für das Funktionieren des Ganzen unabdingbar sind: große Naturräume, Hauptstra-ßen-Netze, Nahverkehr, Versorgungsnetze, insofern sie nicht dezentral orga-nisiert werden können, und strategische Industrieflächen. Die Mikrozonen sind die Viertel, die Kieze, die Dörfer. Planung und Unterhalt der Makrozonen ob-liegen den lokalen oder regionalen Regierungen. Die Mikrozonen werden von ihren Bewohnern mithilfe einer professionellen Verwaltung selbst gesteuert. Moderne Technologie – Internet und Mobilfunknetzwerke – wird genutzt, um jeden Bewohner einzubinden in die Beschlussfassung. Wenn jeder Kiez auto-nom wird, entsteht so ein Wettbewerb zwischen den Kiezen. Diese können wählen, wie sie sein wollen: grün-ruhig oder städtisch-lebendig, wirtschafts-freundlich oder eher sozial. Aus der Stadt der Kieze und der Landschaft der Dörfer und Kleinstädte kann so ein buntes Bild verschiedener Gravitationszo-nen für urbanes menschliches Zusammenleben in der Welteninsel entstehen. Die Materialumlaufbahnen. Bauen ist mit hohem Energieaufwand verbun-den. Zement muss gebrannt, Stahl geschmiedet und Kunststoff synthetisiert werden. Wird ein Gebäude renoviert oder abgerissen, wandern diese Stof-fe auf die Deponie. Ein solcher Umgang mit Materialien ist weder sinnvoll noch nachhaltig; die Knappheit von nicht erneuerbaren Rohstoffen führt heu-te schon zum Denken in Materialkreisläufen und zu einer Verschiebung hin zu erneuerbaren, pflanzlichen Rohstoffen. Dadurch entsteht auch ein neues Ver-hältnis zwischen der städtischen Metropole Berlin und ihrem Brandenburger Umland. Unser Vorschlag: Regionale Rohstoff- und Baustoffkreisläufe sollten etabliert werden. Baustoffe für Berlin kommen nicht mehr aus fernen Ländern, sondern werden regional erzeugt. In neuen, hochtechnisierten Produktions-stätten wird lokales Holz zur Hauswand. Einmal produziert, werden diese und andere Bauteile katalogisiert in Datenbanken. Sie werden nicht mehr weg-geworfen, sondern warten – wenn nicht mehr genutzt – in speziellen Bau-teillagern auf eine zweite, dritte oder vierte Nutzung. So entstehen ‚Mate-rialumlaufbahnen‘, die – wenn einmal erreicht – mit minimalem Energie- und Materialaufwand in Gang gehalten werden können.
Pedro Pitarch Standort: Madrid www.pedropitarch.com Pedro Pitarch, Gonzalo Rojas, Maria Escudero Landschaftsplanung: Pedro Pitarch Fachplanung weiterer Disziplinen: Rafael Zarza (Graphics)
TEILRAUM 1: „NEU-SÜDKREUZ“
Das Südkreuz als großstädtischer Infrastrukturknoten bedient die Region, versteht sich aber auch als Tor zur Welt; der Ort ist lokal und global zugleich. Zurzeit ist der Bahnhofsbereich von Verkehrstrassen dominiert, die eine „transitorientierte Gemeinschaft“ nicht abbilden. Die vorhandenen Restflächen und Brachen lassen keine Ordnung erkennen. Der Entwurf sieht eine Freistellung des Bahnhofs mit multifunktionalen Angeboten vor. Räumlich gefasst wird der freigestellte Stadtraum durch bauliche Ergänzungen mit umliegenden Wohnquartieren und experimentellen Gebäudetypen mit hohem Verdichtungspotenzial. Der Bereich um den Bahnhof wird zur gestalteten Platzfläche. Ein Ort von dieser Funktionsvielfalt erfordert mehrere Ebenen, die auch automatisierte, individuelle Verkehrssysteme (fliegende Taxis, Monorailsysteme, Seilbahnen) berücksichtigt.
TEILRAUM 2: TXL – „URBAN TECH REPUBLIK“
Die offene Fläche eines Flughafens ist wie eine „Insel“ – ein Ort, der sich in seiner Dimension den Anwohnern nicht erschlossen hat. Mögliche Grundlagen für Entwicklungsplanungen sind hier nicht die traditionellen Planungsinstrumente, es sind informelle Instrumente, wie zum Beispiel „Protokolle“, die temporäre Vorhaben definieren. Der Entwurf benutzt futuristische Objekte und collagiert sie zu räumlichen Konglomeraten, die einen neuen „Industrie 4.0“-Standort abbilden. Trotzdem bleibt die Ordnung des Flughafens erhalten, indem die Landebahn in ihrer räumlichen Struktur als Standort von Produktionsstätten vorgesehen wird. Das dreidimensionale Bild des Standorts TXL ist nicht als bauliche Vorgabe für die nächsten 50 Jahre entwickelt, es sind „informelle Formen des Urbanismus, die auf einem flüchtigen Charakter der Ereignisse beruhen“. Hier soll ein Experimentierfeld für den Städtebau entstehen.
TEILRAUM 3: „KÖNIGS WUSTERHAUSEN“ (KW)
Die Stadt wurde als Wohn- und Schlafstadt in den letzten Jahren sehr beliebt. Der öffentliche Nahverkehr ist mit dem S- und Regionalbahnanschluss gut getaktet. Die Anbindung über die Autobahn A 10 nach Berlin und über die A 13 nach Dresden und Cottbus begünstigt den motorisierten Individualverkehr. Die Landschaft bietet ausgezeichnete Freizeitangebote mit den Seen rund um den Müggelsee im Norden und der Heideseenlandschaft im Süden. Der Stadtbereich zerteilt sich in die Quartiere um das Schloss, das Bahnhofsviertel und das Wohnquartier zwischen Cottbuser und Luckenwalder Straße. Durch die Nähe zum BER kommt ein Standortvorteil hinzu, der im Stadtbild keine Entsprechung findet. Der Entwurf behandelt die Nachverdichtung der Plattenbausiedlung unter dem Gesichtspunkt „Wohnen und Arbeiten“, die räumliche Verbindung der drei genannten Bereiche und die Schaffung von öffentlichen Räumen im Zusammenspiel mit kommunalen Einrichtungen. Ziel der Interventionen mit architektonischen Mitteln ist es, den urbanen Charakter in einen Zusammenhang von öffentlichen und privaten Räumen zu stellen. KW soll, während es wächst, eine unverwechselbare Identität erhalten.
Erläuterungen der Verfasser
ARCHIPEL LABOR: EIN ATLAS VON URBANEN INSELN FÜR BERLIN Die zeitgenössische Stadt wird nicht mehr durch Pläne definiert. Die Planung hat aufgehört, eine effektive Disziplin in der Erzeugung des Urbanismus und in der Städteproduktion zu sein. Sie hat aufgehört, Instrumente und urbane Modelle bereitzustellen, die an die Bedürfnisse von Gesellschaften im ständigen Wandel angepasst sind. Der Archipel bietet einen neuen Entwurf, ein neues Stadtmodell für die europäische Metropole. Der Archipel unterscheidet Fragmente einer Stadt, die urbanen Inseln, die sich aus der Spannung zwischen einem Kontext und der sie umgebenden urbanen Masse ergeben. Die Inseln sind Prototypen der Stadt in der Stadt. Eine Reihe von aufkommenden urbanen Bedingungen, die in unseren Städten latent vorhanden sind, aber noch nicht ordnungsgemäß in die Planung einbezogen wurden. Jedes Stück, jede Szene, jede Insel verhält sich wie ein Labor. Wir etablieren eine Laborsituation der Stadt als Archipel. Dieses Projekt schlägt eine Neuinterpretation der Städteplanung vor, die nicht nur auf der quantitativen Bewirtschaftung des Stadtgebiets beruht, sondern auch auf der Definition von Verbindungen und Beziehungsnetzen zwischen urbanen Eigenschaften.
SECHS TYPOLOGIEN FÜR EINEN ZEITGENÖSSISCHEN METROPOLITANISMUS – Es werden sechs Typologien definiert. Jede von ihnen entspricht einer bestehenden großstädtischen Situation, die eine Stadt erzeugt und die Gesellschaft ausmacht; aber sie sind nicht innerhalb der beruflichen Praxis des Urbanismus konzipiert. Aus der Gruppe der Inseln, aus denen der Archipel besteht, werden drei konkrete Beispiele vorgestellt. Jedes entwickelt gemeinsam zwei urbane Typologien. Jedes stellt ein paar gegensätzliche, aber dennoch koexistierende Situationen vor. Sechs Situationen, deren Details es uns nicht nur ermöglichen, die urbanen Inseln separat zu erklären, sondern auch ein einheitliches Projekt zu verfolgen, das die Narration der Stadt Berlin als Archipel darstellt. 1. Urbane Häuslichkeit: Über die Domestikation des Urbanismus (Wohnen); 2. Ein altermodernes Ereignis: Über Pop-up-Urbanismen (Freizeit); 3. Konvergenzkultur: Über den Aufbau der Öffentlichkeit (Kultur und Gesellschaft) ; 4. Industrie 4.0: Über die vierte Industrielle Revolution (Industrie); 5. Pendler-Urbanismus: Über den „Take-away”-Alltag (Infrastruk-tur); 6. Fluide Arbeit: Über die Überwindung von Grenzen zwischen Produktion und Konsum (Arbeit).
VIER TERRITORIALE STRATEGIEN – Berlins Urbanismus definiert sich durch seinen Zustand als ‚Netzwerk‘, durch die Verbindungsmöglichkeiten zwischen den im Territorium verstreuten urbanen Akteuren, und nicht nur durch sein urbanes Gefüge oder seine räumliche Form. Die großstädtische Essenz Berlins hängt von seiner Fähigkeit ab, Verbindungen zwischen unterschiedlichen metropolitanen Elementen herzustellen … sie hängt davon ab, wie verschiedene Kontexte in soziale Kondensatoren, in vernetzte Stadtinseln eines großstädtischen Archipels verwandelt werden können.
1. INFRASTRUKTUR UND TRANSPORT – Von der Zentralität zum Netz. Im Gegensatz zu einer zentralisierten und hierarchischen Konzeption der Verkehrsinfrastruktur schlagen wir hier eine Hinwendung zu einem offenen Netzwerkmodell vor: dezentralisiert und demokratisch. Anstatt das aktuelle Modell, das die vier großen Bahnhöfe in Berlin umkreist, immer stärker zu betonen, schlagen wir eine Reihe von verteilten Knotenpunkten vor. Eine Konstellation von kleinen Verkehrsknotenpunkten, die – über das gesamte Gebiet demokratisch verteilt – dazu beitragen, die großen infrastrukturellen Ungleichheiten zwischen innerstädtischen und Randgebieten anzugleichen. Nach diesem Modell würden die Be-griffe Zentrum und Peripherie obsolet werden, da wie bei einem neuronalen Netz alle Punkte gleich zugänglich und perfekt miteinander verbunden sind. Zu diesem Zweck werden die bestehenden harten Infrastrukturen (Bahn und eigenes Auto) mit neuen Modellen von Smart Mobilities und weichen Infra-trukturen umgesetzt.
2. INDUSTRIE UND ENERGIE – Von der Konzentration zur Dispersion. Derzeit weist Berlin-Brandenburg eine ungleiche Verteilung seiner Industrien auf, die verdichtet in großen, von den Ballungsräumen entfernten Kernen die Spannungen und Ungleichheiten zwischen Stadt und Land, zwischen Zentrum und Vororten verstärken. Ebenso ist die Lage der Energieproduktionszentren unregelmäßig und erzeugt einen negativen ökologischen Fußabdruck. Für BB2070 schlagen wir einen schrittweisen Übergang zur Industrie 4.0 und zu erneuerbaren Energien vor: das Erreichen eines territorialen Modells, das die großen Drehkreuze sprengt und diese über das gesamte Gebiet in zahlreichen kleinen Industriegebieten in unmittelbarer Nähe und mit integrierter Energieproduktion verteilt. Dieses neue Modell hat geringere Auswirkungen auf das Gebiet und die Gesellschaft, wodurch es organisch in Großstadt- und Naturareale integriert werden kann. Es verwirft das bereits veraltete konventionelle Modell, das aufgrund seines großen, aggressiven ökologischen Fußabdrucks die Koexistenz von Industrie und Gesellschaft, Energie und Natur verhindert hat.
3. NATUR – Von der Zurückgezogenheit zur Integration. In BB2070 ist die Natur nicht mehr eine Wildnis, von der sich städtische Siedlungen unterscheiden. Stattdessen hat sie sich zu unzähligen ‚Naturen‘ vervielfacht, die nicht mehr entdeckt, sondern gebaut werden, die nicht mehr gefunden, sondern geschaffen werden, die nicht mehr durchquert werden, sondern … und was noch wichtiger ist: Sie sind keine differenzierten und sequentiellen Elemente, sondern hybrid in die Großstadtelemente integriert und mit ihnen verbunden.
4. WOHNEN UND ARBEITEN (SIEDLUNGSRÄUME) – Von der Zonenbildung zur Hybridisierung. Die strikte Zoneneinteilung der städtischen Programme, die jahrzehntelang die Gestaltung der modernen Stadt be-stimmte, hat zu einer territorialen Ungleichheit zwischen großen Wohnvororten an der Peripherie und dichten Arbeitszonen in den Zentren geführt. Dies resultierte in einer einseitigen Abhängigkeit zwischen ihnen sowie in großen Ballungsgebieten aufgrund fehlender gemischter Programme in einen Mangel an Ausstattungen. Infolgedessen sind öffentliche und private Bereiche nun-mehr in separaten Gegenden gefangen. Angesichts dieser Ungleichheit wird eine Hybridisierung von Privatleben und Arbeit vorgeschlagen. Ein neues Paradigma, nicht nur städtisch, sondern auch sozial, in dem neue Modelle des Verhältnisses von Leben und Arbeit eine ausgewogene Koexistenz von beiden ermöglichen. Eine gemischte territoriale Struktur, die neue städtische Instrumente wie Telearbeit, Co-working und Co-living integriert, um innovative Formen eines heterogeneren Metropolitanismus zu schaffen.
DREI KONKRETE TEILRÄUME 1. TXL – URBAN TECH REPUBLIC. Die TXL ist eine großstädtische Insel, die zwei der sechs definierten städtischen Typologien entwickelt: Industrie 4.0 und Altermoderne. Das Projekt macht sich die große infrastrukturelle Lücke zunutze, die der alte Flughafen Tegel hinterlassen hat, und führt eine Reihe von innovativen weichen Industrien zusammen, die im Gegensatz zu den traditionellen Industrien auf Forschung, Informationsproduktion und Kundenanpassung basieren. Das große Ausmaß dieser städtischen Interventionen ermöglicht ihre Koexistenz mit anderen, eher informellen Formen des Urbanismus, die auf dem flüchtigen Charakter der Ereignisse beruhen. So koexistieren innerhalb desselben Masterplans formelle Planungsinstrumente (auf Basis der Definition von Geltungsbereichen) mit anderen, informelleren (auf Basis der Definition von Protokollen für temporäre Entfaltung).
2. NEU-SÜDKREUZ. Besonders in Städten wie Berlin überschreitet der starke Gemeinschaftssinn der Bürger die Grenzen zwischen Mikro und Makro, zwischen global und lokal. Im Gegensatz zu vielen europäischen Städten, in denen die Stadtentwicklung um Infrastrukturknoten herum auf sogenannten Transitorientierten Entwicklungen (Transit Oriented Developments) basiert, erweitert Groß-Berlin diesen Begriff, indem es ihn mit seiner ausgeprägten sozialen Heterogenität überlagert und dadurch eher transitorientierte Gemeinschaften generiert. Neu-Südkreuz ist ein gutes Beispiel dafür. Dem-zufolge wird eine Reihe städtischer Wohngebiete bereitgestellt – eine Vielfalt von Programmen und Hausnutzungen, die befreit von den traditionellen Einschränkungen der gewohnten Wohnumwelt in die städtischen Räume ein-dringen. Abgerundet wird das Gesamtkonzept mit einem Katalog von Handlungsprotokollen für die für Berlin so charakteristischen urbanen Lücken, die die Umgebung dieses Gebiets prägen. Er umfasst eine Reihe von Strategien für die gemeinschaftliche Nutzung von vier Kategorien von Leerflächen: verlassene Grundstücke, Blockinnenhöfe, verbleibende Restflächen und stillgelegte Infrastrukturen.
3. URBANE INSEL KÖNIGS WUSTERHAUSEN. Anstelle einer konventionellen Wohnsiedlung, die wie in den meisten europäischen Städten zu einer Wohn- und Schlafstadt wird, schlagen wir hier eine Hybridisierung von Wohnen und Arbeiten, von privater und öffentlicher Sphäre vor. Die Wohnblöcke werden nicht auf den unverwechselbaren Charakter des Intimen und Privaten reduziert, sondern vergrößert und auf die Stadt ausgeweitet. Hierbei werden öffentliche Kapseln einbezogen, wodurch ein sozialer Wert der Begegnung, des Dialogs, der Produktion und des Austauschs erreicht wird. Der Masterplan umfasst drei übereinander liegende Informationsebenen: eine Insel aus städtischen Fragmenten, verstreut in einem Meer aus Natur und Landwirtschaft; eine Masse von Wohnblöcken, in denen öffentliche Räume verteilt sind; eine Matrix von Arbeitszentren sowie kulturellen und städtischen Einrichtungen. Die Verbindung zwischen den Fragmenten wird durch eine Reihe von Gehwegen für Fußgänger sowie durch ein System mit Elektrofahrzeugen (Fahrräder, Gondeln, Seilbahnen und Drohnen) hergestellt
Thomas Stellmach Planning and Architecture / fabulism GbR Standort: Berlin / Berlin www.tspa.eu www.fabulismoffice.com Team: TSPA: Filippo Imberti / Anke Parson / Alessandra Sammartino / Aurelija Matulevičiūtė / Isabell Enssle Landschaftsplanung: Lysann Schmidt Landschaftsarchitektur Fachplanung weiterer Disziplinen: Melissa Gómez (Beraterin für nachhaltige Mobilität und urbane Innovation), Marcus Andreas (Berater für Nachhaltigkeit), Florian Strenge (Berater für Urbanismus & Design-Prozesse)
TEILRAUM 1: „SCHNITTPUNKT STADT ORANIENBURG“
Vorhandene Restflächen, die offene Bauweise in der Innenstadt und die integrierte Landschaft eignen sich für eine Nachverdichtung. Mit Bezug auf die drei Entwicklungsszenarien „sichere Gesellschaft“, „globale Gesellschaft“ und „neoökologische Gesellschaft“ werden geeignete Standorte bestimmt, die auch verschiedenste kulturelle Einrichtungen aufnehmen können und eine ökologische Entwicklung zulassen. Dabei steht die Integration ökologischer Korridore eines städtischen Wassermanagements im Mittelpunkt der Planung. Südlich des S-Bahnhofs wird ein neues Stadtquartier mit ausgedehnten Freizeiteinrichtungen vorgesehen. Im nördlichen Innenstadtbereich werden Gewerbeflächen verdichtet und ein „Biopark“ angegliedert. Kleinere Projekte wie ein Flussbad, ein Wasser-Hub zur Energiegewinnung an der Schleusenanlage oder ein schwimmendes Theater in der Havel sowie viele andere kleine Eingriffe werten die Wasserlandschaft auf und machen Oranienburg attraktiver. Dies wird nicht nur neue Bewohner anziehen, sondern auch Gewerbe, Dienstleistungsunternehmen und Produktionsstätten, die sich in den Maßstab der Stadt und in die Landschaft integrieren sollen.
Der Landkreis Teltow-Fläming gilt als außerordentlich produktiver Standort für landwirtschaftliche Erzeugnisse im Metropolenraum. Die flächendeckende Landwirtschaft führt zwangsläufig zu Umweltbelastungen, die durch den umweltbewussten Umbau der Produktionen in einen Regionalpark münden könnten, der Bestandteil übergeordneter ökologischer Korridore wird. Grundlage muss der Schutz der vorhandenen Biosysteme sein. Die Landschaft und die Gewässer müssen in einen unbelasteten Zustand zurückgeführt werden, um die Nahrungsmittelproduktion kontrolliert kleinteiliger zu organisieren. Wasser ist ein hohes Gut, dass einer permanenten Pflege bedarf. Wasserspeicherung, -infiltration, -reinigung und -verteilung sind Bestandteile eines Kreislaufs, der zur Eigenversorgung des Metropolenraums beiträgt. Regionalparks wie in Trebbin sollen weiterhin Gewerbe- und Dienstleistungsstandorte wie auch industrielle Produktionsstätten aufnehmen, sie sollten jedoch das biologische Gleichgewicht fördern und nicht belasten.
TEILRAUM 3: „KREUZBERGER KONFETTI“
Das Entwurfskonzept soll verdeutlichen, dass selbst Quartiere, die mit einer herausgehobenen Kiez-Kultur aufwarten, durch Nachverdichtung und Bearbeitung der Grünflächen vorbildhafte Funktionen für andere Quartiere haben können. Ausgehend von der Rekultivierung und Renaturierung des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals werden die vorhandenen Grünräume in Beziehung gesetzt. Böcklerpark, Waldeckpark und Mariannenplatz werden über intensiv begrünte Wegenetze mit dem Landschaftspark am Kanal verbunden. Die vorgeschlagenen baulichen Ergänzungen tragen dazu bei, dass die Straßenräume gefasst werden und ihre Blockwirkung gestärkt wird. Belastete Durchgangsstraßen wie die Linden- und die Skalitzer Straße bleiben erhalten; andere wie die Heinrich-Heine-Straße und die Oranienstraße werden mit gesicherten Spuren für Fußgänger, Fahrräder und Pkw ausgebildet. Grundsätzlich gilt aber, dass der Verkehr aus dem Inneren der Blöcke herausgenommen wird.
Erläuterungen der Verfasser
Landschaften der Unterschiede – Es ist vergebens, die politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Entwicklungen der nächsten 50 Jahre vorherzusagen. Um dies zu erkennen, genügt ein Blick in die Vergangenheit. Es gibt jedoch Herausforderungen, von denen wir wissen, dass sie weit über 2070 hinausreichen werden. Wir wissen, dass sich das Klima verändern und dass Brandenburg im Schnitt wärmer und trockener werden wird. Wir wissen, dass dies Folgen für die Nahrungsmittelproduktion und die Biodiversität haben wird und dass sich die Strukturen in Industrie, Land- und Energiewirtschaft an-passen werden müssen. Auch Landschafts-, Wasser- und Biosysteme werden sich wandeln. Diese Transformation wird Jahrzehnte dauern. Sie kann auf den Stärken von Berlin-Brandenburgs Landschaft aufbauen: den Seen und Flüssen als Rückgrat einer Kulturlandschaft, die sich durch Heterogenität und Polyzentralität auszeichnet. Wir schlagen vor, einen langfristigen Transformationsprozess dieser Systeme anzustoßen, um eine widerstandsfähige und produktive Zukunft Brandenburgs und Berlins sicherzustellen. Diese Transformation schafft den Rahmen, in dem sich das Leben der Bürger in seinen gesellschaftlichen und ökonomischen Facetten frei und zukunftssicher entfalten kann. Beginnend mit den Ökosystemen Brandenburgs bildet sie die Grundlage für systemischen und nachhaltigen Wandel. Dieser Transformationsprozess schlägt sich in vier Landschaften nieder.
1) Wasserlandschaft: Die Wasserlandschaft prägt und verbindet Brandenburg und Berlin in Hinsicht auf Industrie, Biodiversität, Landwirtschaft, Energie und Verkehr sowie was den Charakter der Kulturlandschaft, ihrer Seen und Flüsse betrifft. Zugleich weist das Einzugsgebiet der Elbe, in dem Brandenburg weit-gehend liegt, die zweitgeringste Wasserverfügbarkeit pro Kopf in Europa auf. Der Klimawandel wird dies verschärfen: Durch verringerte Niederschläge und erhöhte Verdunstung im Sommer wird Brandenburg noch trockener werden, unterbrochen von vermehrt auftretenden Starkregenereignissen, was wiederum Gewässer und Böden belastet. Daher denken wir die Struktur Berlin-Brandenburgs als Netz von Wasserkreisläufen und rücken das tägliche Leben mit dem Wasser in den Vordergrund. Ein System von Grünkorridoren geschützter Lebensräume für die Tier- und Pflanzenwelt erhöht die Biodiversität. Es werden Gewässer und Moorlandschaft noch weitergehender geschützt; monokulturelle großflächige Landwirtschaftsflächen werden zu klimafesten Landwirtschaftsbetrieben gewandelt. Dies sind die Elemente einer Kreislaufwirtschaft für eine nachhaltige, respektvolle und profitable Nutzung des Landes.
2) Stadtlandschaft: Berlins Hauptverkehrsstränge haben die sternförmige Siedlungsstruktur der Stadt bedingt, was Freiräume erhalten und durch die Verdichtung entlang der ÖPNV-Achsen dem Verkehrskollaps vorgebeugt hat. Doch der Siedlungsstern allein wird dem vielfältigen Charakter der Berliner und Brandenburger Region nicht gerecht. Es braucht eine flexiblere, vielfältigere Struktur. Daher durchdringt und stützt das Netz der Wasserlandschaft den Siedlungsstern des 19. und 20. Jahrhunderts. Es entstehen Schnittpunkte, an denen neue starke Zentren entstehen, die zu Netzen zusammenwachsen: Berlin und Brandenburg, Natur und Stadt werden zu einer Landschaft der Unterschiede natürlicher und menschengemachter Räume verknüpft. Der Zersiedelung wird ein Ende gemacht, und die bestehende Siedlungsstruktur wird gezielt an existierenden und neuen Knotenpunkten verdichtet und transformiert: Dies sind die Zentren von morgen – keine Außenstädte, sondern Mittelpunkte mit einzigartiger Lebensqualität, urbaner Lebendigkeit, in der Natur und am Wasser.
3) Energielandschaft: Die Dezentralisierung findet auch energetisch statt: Energie wird effizient aus Wind, Sonne und Wasser gewonnen. Sonnenkollektoren und Windturbinen werden gezielt in die Landschaft integriert, wo Windgeschwindigkeit, Bodenbeschaffenheit, Topografie und Siedlungsstruktur dies am sinnvollsten erscheinen lassen; nicht mehr funktionale Industriegebiete dienen der dezentralen Speicherung der Energie als Wasserstoff, Wasserwärme oder in Pumpspeichern. Kurze Wege vermeiden Transportverluste, Dezentralität erhöht die Resilienz, Überschüsse werden ins Netz eingespeist, Öl und Gas spielen keine Rolle mehr, CO2-Neutralität ist Normalität. Bürgerstrom und Energiegemeinschaften auf Grundlage eines intelligenten Netzsystems machen Energieproduktion allen zugänglich.
4) Mobilitätslandschaft: Die heutige Durchschnittsgeschwindigkeit motorisierten Verkehrs in Berlin liegt bei 20 km/h. Das schafft man auch mit dem (E-)Fahrrad. Berliner Haushalte besitzen im Schnitt weniger Pkw als Haushalte anderer deutscher Städte. Wir sind auf dem richtigen Weg. Die leeren Straßen der Coronakrise haben erahnen lassen, was möglich sein kann: Straßen, die Spiel und Sport Raum geben, mehr Ruhe. Aber: Die technische Entwicklung ist unklar. Wir wissen nicht, welche Lösungen sich durchsetzen werden. Klar ist, dass sich Mobilität wandeln wird, dass das Auto und der Individualverkehr nicht mehr die Hauptrolle spielen werden, dass autonomes Fahren zu-nehmen wird. Daher schaffen wir die Voraussetzungen für eine nachhaltigere Mobilität. Das heißt: das Radwegenetz weiter ausbauen und auch für schnelle E-Mobilität zueignen, Raum für Intermodalitätspunkte zum Umsteigen zwischen Verkehrsmodi (gemeinschaftlich, öffentlich, individuell) schaffen, den motorisierten Individualverkehr einschränken, Schwerverkehr gezielt auf Transportachsen und Wasserwege leiten und dadurch gewonnene Flächen als öffentliche Räume umnutzen sowie Straßenräume als Shared Surfaces für verschiedene Mobilitätsmodi der Zukunft ertüchtigen.
Fokusgebiete – 1) Schnittpunkt Oranienburg: Oranienburg ist typisch für die Komplexität der Region: Es begegnen sich unterschiedliche urbane Strukturen, aktive und stillgelegte Industrieanlagen sowie eine vielfältige, von Wasser durchdrungene Landschaft. Am Schnittpunkt von Siedlungsstern und Landschaftsnetz entsteht ein Zentrum von morgen. Ökosysteme werden gestärkt und nachhaltigere Stadtstrukturen entstehen. Um das landschaftliche Netz entlang Lehnitzsee, Havel und Havelkanal verdichtet sich die Stadt. Über nachhaltiges Wassermanagement werden Niederschläge gesammelt und recycelt, gepuffert, infiltriert und bei Starkregen abgeführt. So wird die Stadt in heißen Sommern gekühlt und Bodennährstoffe bleiben erhalten. Das intermodale Verkehrskonzept setzt auf eine Kombination von regionalen ÖPNV-Verbindungen mit hoher Taktung und einem dichten Netz von (E-)Fahrradstrecken. An der Sachsenhausener Straße entsteht ein produktiver Park, der urbane Landwirtschaft, nachhaltige Produktion und urbanes Wohnen vereint. Am südlichen Ende des Lehnitzsees wird das ehemalige Industriegelände saniert und die Böden werden organisch gereinigt. Ein Teil des Gebiets wird in einen städtischen Park mit Freizeitangeboten umgewandelt, ein weiterer Teil zu einem gemischten Wohngebiet zwischen Park und Wasser entwickelt. Im nördlichen Grüngebiet Richtung Kuhbrücke entsteht ein Energiepark, in dem die in der Umgebung erzeugte Energie in Wasserstoff umgewandelt und gespeichert wird. Östlich der Lehnitzschleuse entsteht ein Forschungszentrum für Wasserwirtschaft.
2) Trebbiner Wasserlandschaft: Der Landkreis Teltow-Fläming ist geprägt von Flussläufen und künstlichen Kanälen, Landwirtschaft, schrumpfenden Dörfern, belasteten Gewässern, Monokulturwäldern und Verlust an Biodiversität. Er ist zudem der landwirtschaftlich produktivste Landkreis der brandenburgischen Region. Dies bringt Umweltbelastungen mit sich. Wir stellen dar, wie die räumlichen und funktionalen Systeme des Gebiets nachhaltig zu Systemen der Kreislaufwirtschaft transformiert werden können. Der Regionalpark ist Teil der übergeordneten ökologischen Korridore. Er schützt und nutzt Landschaft, Biosysteme und Gewässer produktiv für Energie, Freizeit und Nahrungsmittelproduktion – eine neue Kulturlandschaft, die nicht bukolisch, sondern effizient und performativ ist. Kleinteilige Biolandwirtschaft löst Monokulturen ab, durch ein System aus Wasserspeicherung, -infiltration, -reinigung und -wiederverwertung wird Trinkwasserqualität erreicht und die Wasserversorgung saisonal ausgeglichen. Ein grünes Energiesystem produziert Wind- und Solarenergie und vernetzt Produktionsstandorte mit dezentralen Energiespeichern. Energie-kooperativen für günstiges und dezentrales Energiemanagement entstehen.
3) Kreuzberger Konfetti: In der nördlichen Luisenstadt und der südlichen Friedrichstadt ist die heterogene Baugeschichte Berlins nicht zu übersehen. Unser Konzept steigert die Kreuzberger Mischung zum Supermix, zeigt, dass urbane Dichte und Leben im Grünen keine Widersprüche sind, bereitet die Mobilitätsinfrastruktur für die Verkehrswende vor und schafft eine wasser- und klimabewusste Stadtlandschaft. Wir beschränken den Durchgangsverkehr auf Achsen wie die Skalitzer und die Lindenstraße, bilden Straßen wie die Heinrich-Heine- und die Oranienstraße als Shared Spaces aus. Dies schafft autofreie Superblöcke, die attraktiv durch Fußgänger- und (E-)Fahrradinfrastruktur erschlossen sind. Die hinzugewonnenen Flächen werden in Grünräume umgewandelt. Mobilität wird multimodal, Umsteigen leicht gemacht und Sharing-Modelle nehmen zu. Lennés Luisenstädtischer Kanal wird wieder geöffnet und erweitert; Mariannenplatz, Waldeckpark und Böcklerpark weiten sich zu einem Parksystem aus. Niederschläge werden intelligent gelenkt und kühlen die Stadt: Überflutungsereignisse werden durch dezentrale Versickerung in Parkflächen, Mulden, Baumrigolen und Retentionsräumen abgepuffert. Die attraktiven Grünräume laden zu Sport und Spiel ein, die Luftqualität ist exzellent. Es wird ohne weitere Bodenversiegelung gezielt verdichtet, auf-gestockt, umgenutzt und im Erdgeschoss belebt, Siebzigerjahre-Riegel, IBA- und Gründerzeitstrukturen werden vermittelt, ohne ihren Charakter zu verlie-ren. Die funktionale Mischung wird verstärkt, die Wege werden noch kürzer.